Gurdjieff Heute

Informationen zu Gurdjieff, J. G. Bennett und Seminaren von Bruno Martin

Gemälde „Tengri“ von Nana Nauwald, mit freundlicher Genehmigung. Siehe auch www.visionary-art.de

Der Weg

„Auf dem Weg zu sein“ bedeutet: „Noch nicht angekommen zu sein“. Doch können wir jemals „ankommen“? Und: Wo wollen wir ankommen?

Gurdjieff ging den Wegen der Meditation (hauptsächlich geistige Übungen), des Mönchslebens (mit dem Schwerpunkt der Hingabe und Gefühlsöffnung) und dem Weg der Askese (über körperliche Selbstbezwingung) auf seiner „Suche nach der Wahrheit“ bereits vor über einem Jahrhundert nach. Er hielt jeden dieser einzelnen Wege für durchaus wirkungsvoll, aber in Hinblick auf das Erreichen der Selbst-Verwirklichung als zu einseitig und daher unzureichend.

Er führte einen „Vierten Weg“ ein, der alle grundlegenden Aspekte des Menschseins miteinander verbindet: Körper und Sinne, Gefühlswelt, bewusstes Denken. Dafür entwickelte er Übungen für das Bewegungzentrum, praktische Arbeit, Selbstbeobachtung, Übung der Aufmerksamkeit, Energie- und Wahrnehmungsübungen, systemisches Denken, herausfordernde Tanz- und Bewegungsübungen und vieles mehr.

Er bezeichnete diesen Weg als den „Weg des intelligenten Menschen“. Dieser Weg zielt auf das Erreichen einer Ganzheitlichkeit hin, bei der die Vielfältigkeit des menschlichen Seins zu einer Einheit gelangen kann. Seine Methode (griechisch – „der Weg zu etwas hin“) betont das synchrone Zusammenspiel aller menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten, die miteinander verwoben eine „harmonische Entwicklung“ ermöglichen. Und es geht um eine innere Wandlung, eine Transformation, die alle Aspekte des Menschseins integriert und auf eine andere Stufe des Seins hinführt – so dass wir bei allem Tun auf unser wirkliches Selbst hören können. Um dahin zu gelangen, benötigen wir eine ganze Zeitlang die Unterstützung anderer Menschen, die bereits ein Stück des Weges gegangen sind, so dass wir durch eigene Selbst-Täuschung den eigenen Weg nicht verlieren.

Niemand kann den ganzen Weg überblicken, doch es gibt ein inneres „Navi“, das hilft, das Ziel nie aus den Augen verlieren. So weiß ich inzwischen nach einer lebenslangen, bewusst beschrittenen Wegstrecke, dass die Methode „des vierten Wegs“ Mittel und Bedingungen bereit stellt, ganzheitlich an sich selbst zu arbeiten, um den eigenen Lebens-Weg der Selbstverwirklichung zu finden und zu gehen.

Leben – gleich welcher Lebensweise und geistiger Ausrichtung – ist immer ein Weg zu sich selbst. Wenn wir uns mit der Gegenwart bewegen – wie im Zitat des Laotse im obigen Bild gesagt – sind wir immer da, wo wir hinwollen. Das ist der Weg der Weisen.

Die meisten von uns sind jedoch noch keine Weise, die in der einzigen Gegenwärtigkeit leben. Leben ist Bewegung, unsere Suche nach dem „Dao“, dem Sinn, dem Geist, bringt uns nur zum Ziel, wenn wir uns selbst bewegen und nicht „bewegt werden“. Wer nicht danach strebt, in die „Wirklichkeit“ aufzuwachen, wird unweigerlich vom Strom des gewöhnlichen Lebenswegs mitgerissen – ohne je die eigene Verwirklichung zu erreichen.

Gurdjieffs „vierter Weg“ kennzeichnet sich auch darin, am „inneren Verstehen“ zu arbeiten. Wir wissen inzwischen von allem etwas und viel zu viel. Doch was verstehen wir wirklich? Verstehen wir, wie alles zusammenhängt, welches Lebensmuster uns antreibt? Verstehen beinhaltet eine geistige Fähigkeit, das ganze „Sein“ zu erkennen. Den eigenen „spirituellen Weg“ zu gehen erfordert Mut, Disziplin und Kreativität.

Wegweiser auf diesem Weg liegen in uns selbst verborgen, wir müssen sie nur erkennen. Dabei können uns Menschen unterstützen, die bereits ein Stück auf dem Weg gegangen sind.

(c) Bruno Martin 2018