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Das Enneagramm


EnneagrammDas Enneagramm ist wohl inzwischen die bekannteste Hinterlassenschaft Gurdjieffs. In den letzten 20 Jahren wurde in Dutzenden von Büchern eine psychologische Persönlichkeits- und Typenlehre verbreitet, die viele Anhänger gefunden hat, insbesondere auch in christlichen Kreisen durch die Bücher von Ebert und Rohr.

Das Enneagramm ist ein neueckiges Symbol (siehe Abb.) das aus einem Kreis (das den Lauf der Zeit und die funktionale Welt repräsentiert), einem unregelmäßigen Sechseck (die inneren Prozesse) und einem Dreieck (das den bewussten Willen darstellt) besteht. Von den Typenlehre-Vertretern wird behauptet, dass dieses symbolische System für neun grundlegende Persönlichkeitstypen steht.

Man kann natürlich jedes Symbol für einen Zweck nutzen. Das Enneagramm bietet sich an, weil man damit von den zwölf astrologischen Typen und dem Tierkreis wegkommt. Aber mit Gurdjieff hat diese Typenlehre überhaupt nichts zu tun, denn er erklärt es ursprünglich als ein prozessorientiertes, dynamisches Modell einer qualitativen Transformation. Das Enneagramm wurde von ihm bereits 1915 in St. Petersburg seiner Gruppe erläutert: „Alles Wissen kann im Enneagramm zusammengefasst und mit seiner Hilfe gedeutet werden. Und so kann man sagen, dass man nur das weiß, beziehungsweise das versteht, was man in das Enneagramm einfügen kann.“

Die Evolution des menschlichen Bewusstseins bzw. die Entwicklung der „höheren Seinskörper“ ist das zentrale Element der Gurdjieffschen Ideenwelt. Das Verstehen des Enneagramms ist immer verbunden mit der menschlichen Transformation. „Um das Enneagramm zu verstehen, muss man es sich bewegt, in Bewegung vorstellen…. Viel später… als G. sein Institut in Frankreich organisierte und seine Schüler Tänze und Derwischübungen studierten, zeigte er ihnen Übungen, die mit der Bewegung des Enneagramms in Beziehung standen. Auf dem Boden der Halle, in der die Übungen stattfanden, wurde ein großes Enneagramm gezeichnet, und die an den Übungen teilnehmenden Schüler standen an den Stellen, die mit den Zahlen 1-9 bezeichnet waren. Und dann begannen sie sich in Richtung auf die Zahlen der Perioden in einer sehr interessanten Bewegung zu bewegen, wobei sie sich an den Treffpunkten umeinander drehten, das heißt an den Punkten, wo sich im Enneagramm die Linien kreuzten.“
Das Symbol hat eine eigene Kraft und Ausstrahlung, wohl ein Grund dafür, dass es inzwischen so bekannt wurde. Doch es wäre besser, die ursprüngliche Bedeutung des Symbols zu studieren, um unsere Wahrnehmung auf ein mehrdimensionales, lebendiges Wesen auszurichten, das sich spiralig im endlosen Austausch von Information, Energietransformationen und Verwirklichung von neuen Möglichkeiten bewegt. Auf diese Weise kommen wir dem intuitiven Verständnis der Rolle des Menschen im Prozess der gegenseitigen Erhaltung näher – und lernen eine der wichtigsten Lehren Gurdjieffs besser kennen (am ausführlichsten und besten dargestellt ist das prozessorientierte Modell von Anthony Blake in: „Das intelligente Enneagramm“).
Über die Herkunft des Enneagramms, das Gurdjieff als erster in Europa vorstellte, ist trotz vieler Forschungen nichts bekannt. Aber ich möchte hier ich zwei mögliche Linien erwähnen, die von großer Bedeutung sind. Eine Linie kann man in den Arbeiten des mallorquinischen Philosophen Ramon Llull (1235-1315) finden. Er entwickelte – möglicherweise auf Grundlage des Werkes Kitab Ihwan as-Safa der lauteren Brüder von Basra (um 950) eine Ars Universalis, bei der mit Hilfe von drei drehbaren Dreiecken sämtliches Wissen in immer neuen Zusammenhängen kombiniert werden konnte. Bei Athanasius Kircher (1601-1680) finden wir in seiner Arithmologia eine Darstellung, in der sich über dem weltlichen „Perpetuum Mobile“ des Zodiak und der Planeten in der überhimmlischen Sphäre das Enneagramm aus Llulls zweiter Kombinationsfigur verwendet wird. Hier repräsentiert es die 3x3 himmlischen Sphären.

Denkmaschine von Ramon LlulAbbildung „Denkmaschine von Ramon Llull“

Ramon Llulls Werk könnte auch die Grundlage von Oscar Ichazos (geb. 1931) „Neuerfindung“ des Enneagramms sein. Ichazo entwickelte um 1970 eine „Persönlichtkeitstypologie“, auf der alle späteren Darstellungen von Claudio Naranjo, Helen Palmer u.v.a. beruhen. Ramon Llull ordnete den neun Punkten der drei Dreiecke Buchstaben zu (siehe Abb.), die wiederum mit Bedeutungen verbunden waren. Hier finden wir die Tugenden wie Güte, Größe, Dauerhaftigkeit, Kraft, Klugheit, Freier Wille, Tugend, Aufrichtigkeit und Ehre, aber auch die Laster wie Habsucht, Genusssucht, Verschwendung, Hochmut, Verzagtheit, Neid, Zorn, Lügenhaftigkeit und Unbeständigkeit.
Die Tugenden, Ideen, Fixierungen, Leidenschaften hat Ichazos dann in entsprechenden „Enneagonen“ (wie er es nannte) den Punkten des Gurdjieffschen Enneagramms zugeordnet – auch wenn er behauptet, er hätte es aus anderer Quelle. Diese Aussage ist in keiner Weise beweiskräftig, denn schon zur Zeit von Ichazos Geburt war Gurdjieffs Enneagramm schon ziemlich bekannt, und als er es 1970 vorstellte, erst recht! Ich vermute, dass Ichazo das Ennagramm benutzte, weil es als unregelmäßiges Neuneck interessanter aussieht als ein Symbol mit drei übereinanderliegenden Dreiecken. Meines Erachtens ist der große Mangel an Ichazos und allen anderen Typologie-Verwendungen des Enneagramms, dass die ursprünglichen Querverbindungen, die das Enneagramm auszeichnet, dabei nicht zum Tragen kommen, auch wenn andere Interpreten wie Palmer den Versuch dazu unternommen haben.

Weiterführend zum Hintergrund des Enneagramms empfehle ich die gut recherchierte Forschungsarbeit von Dr. Guido Eberhard

Ein Aspekt der Mathematik des Enneagramms
Das Geniale am Enneagramm ist geradezu die Verbindung und Bedeutung der Kombination von drei Systemen – Kreis, Dreieck und unregelmäßigem Sechseck und den Zahlenfolgen. Letztere ergeben sich durch die selten vorkommende, gleichartige Dezimale von 1/7 = 0,142857 142857 usw., 2/7 = 0,285714 … , die auch die Verlaufsrichtung des inneren Prozesses und die Verknüpfung von Bedeutungen der einzelnen Punkte vorgibt. Es gibt noch mehr Mathematik im Enneagramm: Wenn man die Divisionen 1/7, 2/7 usw. durchrechnet (die immer wieder andere Kombinationen derselben Zahlenfolge ergeben) landet man bei der Teilung von 7 durch 7 beim Ergebnis von 0,99999 usw. und nicht der 1.
Die 1 ist eine mathematische Zahl, die es in der Bruchrechnung eigentlich nicht gibt.

1x = 0,9999…
-10x = 9,9999…
———————-
-9x = -9 : (-9)
x = 1
– 9
——- = 1
– 9

Jedenfalls haben wir so die Besonderheit, dass die Siebenerteilung nur sechs Ziffern für die Hexade hervorbringt und die siebte Ziffer, die Neun sich am Apex des Dreiecks damit vernetzt. Nun fehlen noch die Ziffern 3 und 6, die natürlich durch die Division von 1/3, 2/3 und 3/3 entstehen, wobei letztere wiederum der angesprochenen Teilung von 7/7 entspricht.

Da jedoch die zwei Punkte 3 und 6 im Enneagramm durch die Verwendung des Dreiecks „eingefügt“ sind, spricht Gurdjieff von „Öffnungen“, d.h. das Enneagramm ist ein offenes System, dessen Prozess im Zeitablauf entlang des Kreises (1, 2, 3, 4 usw) durch Einflüsse von außen erst seine Richtung behält oder verändert. Gurdjieff vergleicht das mit dem „Oktavengesetz“, denn eine musikalische Oktave kann sich nur „harmonisch“ entwickeln, wenn zwei Halbtonschritte vorgenommen werden. Diese sind der Hinweis auf die Öffnungen an Punkt 3 und 6 im Enneagramm.