Der vierte Weg
Der Begriff „Der Vierte Weg“ geht auf G.I. Gurdjieff
zurück. Im Allgemeinen wird er so bezeichnet, weil er die
Wege des Fakirs (Körper), des Mönches (Seele) und des Yogi
(Geist) vereint und somit auf alchemistische Weise einen
vierten, integralen Weg erschafft (Sri Aurobindo). Alle
praktischen Methoden, die zur „harmonischen Entwicklung des
Menschen“ führen sollen, müssen mit dem Geist des Weges
verbunden sein, damit sie wirksam werden und ihr Ziel
erreichen.
Warum ein neuer Weg, ein neues „System“, wie es der
Gurdjieff-Schüler P.D. Ouspensky genannt hat? Ist diese
Suche nach Wissen um die Einheit nicht auch auf den
klassischen spirituellen Wegen möglich? Theoretisch ja,
doch praktisch sind sie für Gurdjieff nach seinen
jahrelangen Forschungen für den heutigen Menschen kaum noch
gangbar. Es sollte zudem eine Fähigkeit geweckt werden, den
inneren Impuls der Wahrheit (den Gurdjieff „Gewissen“
nennt, d.h. direktes Wissen) so wahrzunehmen, dass der
Mensch grundlegend mit allen seinen Teilen – Körper, Gefühl
und Denken – in die Wirklichkeit aufwacht.
Aber nicht nur das: Die menschliche Willenskraft (siehe
Artikel >
Wille) ist meistens zu
schwach, sich absichtsvoll gegen Hindernisse
durchzusetzen. Wenige Menschen handeln bewusst,
sondern unbewusst, was Gurdjieff „mechanisch“ nennt.
Deshalb bringt Gurdjieff folgenden Vergleich: Im
unerwachten Stadium ist der Mensch nichts anderes als
eine „Mensch-Maschine“ – ein Android, wie man heute
sagen würde. Der unbewusste, schlafende Mensch ist ein
chaotisches Bündel aus einer Vielzahl konkurrierender
„Ichs“, von denen sich bald dieses durchsetzt und bald
jenes. Nur der erwachte Mensch ist frei (Erleuchtung).
Nur er kann aus eigenem Entschluss handeln, nur er ist
verantwortlich. Erst mit der harmonischen Entwicklung
aller Zentren und der Weckung des „wirklichen Ichs“
(Selbst) stellt der Mensch eine in sich einheitliche
Person dar.
Wie kommt der Mensch zu dieser bewussten Ganzheit? Der
Gurdjieff-Schüler P.D. à Ouspenky fasst in seinem Buch „Auf
der Suche nach dem Wunderbaren“ Gurdjieffs Erkenntnisse
knapp zusammen:
„Unter den gewöhnlichen Verhältnissen des kultivierten
Lebens ist die Lage eines Menschen, selbst eines
intelligenten, der nach Erkenntnis sucht, hoffnungslos,
weil in seiner Umgebung nichts ist, was einer Fakir- oder
Yogischule ähnlich ist, während die westlichen Religionen
dermaßen entartet sind, dass es schon lange nichts
Lebendiges mehr in ihnen gibt. Auch die zahllosen okkulten
und mystischen Gesellschaften und die naiven Experimente
von spiritistischer Art und dergleichen mehr können
überhaupt keine Ergebnisse zeitigen. Und die Lage wäre
wirklich hoffnungslos, wenn es nicht die Möglichkeit eines
vierten Weges gäbe ... Der vierte Weg beginnt auf einer
viel fortgeschritteneren Stufe als der Weg des Yogi. Das
heißt, ein Mensch muss für den vierten Weg vorbereitet sein
und muss seine Vorbereitung im täglichen Leben erworben
haben.“ (P.D. Ouspensky 1966, 69)
Auch wenn heute alle diese Wege wesentlich leichter
zugänglich sind als zu Gurdjieffs Zeiten, trifft das, was
er sagt, heute mehr denn je zu. Das Angebot an spirituellen
Lehren ist so vielfältig und verwirrend wie der Turmbau zu
Babel, eine Geschichte, die Gurdjieff mit seinem typisch
orientalischen Witz in seinem Werk „Beelzebubs Erzählungen“
satirisch darlegt. Aus diesem Grunde beharrte Gurdjieff
immer wieder darauf, dass die Sucher bei allem, was sie
tun, auch den „gesunden Menschenverstand“ einsetzen sollen.
Ein Motto von Gurdjieff war: „Sich immer in Frage stellen.
Frage sein.“
Der Vierte Weg ist ganzheitlich – oder wie Gurdjieff
sagt – „der Weg des schlauen Menschen“. Während der Fakir
oder Asket im Wesentlichen seine körperliche Verhaftung zu
überwinden sucht (z.B. Hatha-Yoga), der Mönch hauptsächlich
mystische Hingabe praktiziert, um sich mit dem Göttlichen
zu vereinigen (z.B. Bhakti-Yoga, christliche Mystik), und
der klassische Yogi sich in Versenkung übt, um so zur
Erkenntnis der Einheit zu gelangen (z.B. Raja-Yoga,
Vedanta), hat der Vierte Weg zum Ziel, körperliche Übung,
seelische Reifung und geistige Einsicht mit allen ihren
Aspekten gleichmäßig auszubilden und harmonisch zu
integrieren (wie z.B. auch beim „integralen Yoga“ nach Sri
Aurobindo). Gurdjieffs praktische Lehre besteht in
Methoden, mit denen seine Schüler lernen können, an allen
drei Zentren, die er einfach „westlich zeitgemäß“ nur als
Körper, Fühlen und Denken bezeichnet, gleichzeitig zu
arbeiten und diese drei Teile zu integrieren und zu
harmonisieren. Mit der Einführung dieser Begriffe
beschreibt Gurdjieff lange vor der Entwicklung der
Gehirnforschung, dass der Mensch drei Hauptgehirne hat –
Kortex (Denken), limbisches System und Zwischenhirn
(Fühlen) sowie Stammhirn (das motorische Gehirn) – und
diese oft nicht synchron geschaltet sind.
Darüber hinaus unterscheidet sich der Vierte Weg von
manchen Wegen v.a. dadurch, dass er am Verstehen arbeitet:
„Ein Mensch darf nichts tun, was er nicht versteht. Je mehr
er versteht, was er tut, desto größer wird das Ergebnis
seiner Anstrengungen sein. Dies ist das Grundprinzip des
vierten Weges. Das Ergebnis der Arbeit steht im Verhältnis
zur Bewusstheit der Arbeit. Auf dem vierten Weg ist kein
‚Glaube’ nötig; im Gegenteil, jede Art Glaube steht im
Widerspruch zum vierten Weg. Auf dem vierten Weg muss sich
ein Mensch von der Wahrheit dessen, was ihm gesagt wird,
überzeugen.“ (in: P. D. Ouspensky 1966, 70)
Gurdjieffs System ist offen, er ermuntert die Menschen,
selbst nach der Erkenntnis zu suchen und zu forschen. Die
Psychologie des Vierten Wegs kann auch als transpersonale
Psychologie bezeichnet werden. Ihr Ziel ist die harmonische
Entwicklung aller Anlagen und Fähigkeiten eines Menschen.
Auch hier spielt eine andere Variante der Dreiheit –
Persönlichkeit, Wesen und Ich – eine große Rolle. Durch
Selbststudium und Selbstbeobachtung soll die Kraft der
Persönlichkeit mit all ihren Automatismen und
Identifikationen mit der materiellen Welt überwunden
werden. Dadurch kann das eigentliche Wesen des Menschen
sich stärker entfalten, sodass der Mensch „sich selbst“
wird. Das Ich ist in dieser Triade die dritte, kosmische
Kraft des individuellen schöpferischen Willens, der erst
wirksam werden kann, wenn das Ego der Persönlichkeit sich
auf seine Rolle in der Welt beschränkt und nicht den Platz
des wirklichen Ichs besetzt hält. Nur durch die Integration
eines aktives Ichs im Wesen des Menschen kann er bewusst
und selbstständig denken und handeln, während die
Identifikationen der Persönlichkeit den Menschen in einem
Schlafzustand halten. Ein erhöhter, wirklich wacher
Bewusstseinszustand ist nur durch die harmonische
Entfaltung von Wesen und Ich möglich.
Ein entscheidender Teil von Gurdjieffs „alchemistischer“
Psychologie ist die Transformation von Energien. Während
die klassische Psychoanalyse und Tiefenpsychologie
gestörte, unterbewusste Aspekte aufzuarbeiten versucht, um
den Menschen schließlich wie bei C.G. Jung zur
„Individuation“ zu führen, geht Gurdjieffs Ansatz weiter:
Durch Auflösung der Identifikationen der Persönlichkeit und
anderer Methoden werden Energien frei, die zur Bildung
eines Energiekörpers genutzt werden können. Eine Reihe von
Übungen zu Wahrnehmung, Atem und Energie helfen, physische
Energie zu bewussten Energien zu transformieren. Weitere
meditative Übungen sollen eine innerseelische Öffnung
bewirken, damit der individuelle schöpferische Wille im
Wesen des Menschen verankert wird. Ziel aller Methoden
Gurdjieffs ist es, dass der Mensch ein „Bewusstsein seiner
selbst“, ein „Selbst-Innewerden“ erreicht, das auch als
„Selbsterinnerung“ bezeichnet wird.
(Leicht geänderter Auszug aus: „Das Lexikon der
Spiritualität“ von Bruno Martin, Atmosphären-Verlag ©
2005)