Gurdjieffs Methoden und Techniken
Zusammenfassend können die Methoden und Techniken, die
Gurdjieff entwickelt hat, und auch die, die John G. Bennett
darauf aufbauend hinzugefügt hat, unter folgenden
Kategorien eingeordnet werden:
Selbststudium
Selbstbeobachtung
„Selbsterinnerung“
„Arbeit an sich selbst“ – an Schwächen und Stärken arbeiten
Vorstellungsübungen
Aufmerksamkeitsübungen
Wahrnehmungs- und Bewusstseinstraining
Sinneswahrnehmungen und Körperwahrnehmung trainieren
Willensübungen
Praktische und körperliche Arbeit zusammen mit
Selbstwahrnehmungsübungen und Training der
Zusammenarbeitsfähigkeit
Ausdauertraining
Bewegungsübungen – „Movements“ und andere Übungen in
Bewegung
Sitzübungen – aktive Übungen, innere Arbeit mit Energien
und Aufmerksamkeit
Sitzübungen – meditativer, kontemplativer, rezeptiver Art,
Mantras und Sufi-Dhikr
Chakra- und Gefühlsübungen
Atemübungen
Intellektuelle Übungen, z. B. mit dem Enneagramm
Gehirn-Jogging (Sprachen lernen, Zahlenreihen mit
Bewegungen üben u. v. m.)
Man kann sagen, „ein volles Programm“. Die Verknüpfungen
der Techniken und Methoden soll ja zu einer „harmonischen
Entwicklung“ führen und nicht einseitig irgendeinen Teil
des Menschen zu Lasten eines anderen Teils stärken.
Damit jede Übung ihre Qualität entfalten kann, musst du
dich bewusst zu dieser Übung entscheiden. Wenn du die
Erfahrung in dir verarbeitest und dir bewusst zu eigen
machst, dann bringst du etwas Neues hervor. Dieser Vorgang
ist vergleichbar mit Nahrungsumwandlung. Genauso wie
Lebensmittel vom Organismus zur Erhaltung des Körpers
umgewandelt und in die Zellen übernommen werden, wird durch
deine Absicht die Erfahrung in die Entwicklung des inneren
Seins umgewandelt.
Genau das haben Gurdjieff und Bennett auch mit den Methoden
und Lehren gemacht, die sie auf ihrer Suche gelernt und
erfahren haben. Beide haben sie nicht einfach kopiert,
sondern sie ergründet und durch eigene Erfahrung mit den
Übungen in eine neue Form gegossen. Gurdjieff
spezialisierte sich dabei mehr auf Bewegungsübungen wie die
„Movements“ (siehe entsprechende Seite) statt auf
Sitzübungen, während mein Mentor John G. Bennett beides für
wichtig hielt.
Ebenso wichtig war es für Gurdjieff, eine neue spirituelle
Vermittlungslinie zu erschaffen, die sich nicht an eine der
bekannten Traditionslinien anknüpft. Er suchte nach etwas,
das eine universale Qualität hatte und in unserer Zeit und
für die Zukunft wirken kann, ohne Assoziationen mit
Jahrhunderten alten, zum Teil auch festgefahrenen
Glaubensformen und Ritualen. So wie ich es durch John G.
Bennett verstanden habe, geht es um intelligente und
kreative inhaltliche Arbeit und nicht um das Erhalten alter
Formen.
Nachdem Bennett gestorben war, wurde es mir zu einem
persönlichen Anliegen, diese neuen Formen in seinem Vorbild
weiter zu ergründen, aber auch andere Wege und Methoden
kennen zu lernen. So konnte ich ihren Wert und ihre Wirkung
herausfinden, auch manches integrieren, das in den Rahmen
dieser Methode passt, um das Gelernte so lebendig zu
vermitteln, dass es für mich nicht zu einem „Glauben“
wurde, sondern sich aus eigener, langer Erfahrung immer
wieder neu gestaltet.
Es ist nicht einfach, „zu lernen, wie man lernt“. Die
Verantwortlichen für unser Schulsystem begreifen nun
langsam, dass die Vermittlung von Lernstrategien statt
bloßem Allgemeinwissen heute immer grundlegender wird.
Jeder Mensch hat eine andere Strategie. Manche prägen sich
Telefonnummer in Dreierreihen ein, andere in Zweierreihen,
wiederum andere mit Bildern. Wichtig ist, dass die Übungen,
die du durchführst, aus einem „lebendigen“ Feld stammen und
durch deine Arbeit in dir selbst lebendig werden können.
Eine gute Voraussetzung für die Wirksamkeit von Übungen ist
auch der Wunsch, etwas Neues zu lernen. Wenn ich eine Übung
kennen lerne und denke, „das kenne ich schon“ oder „diese
oder eine ähnliche Übung habe ich schon mal gemacht“ oder
„ich weiß doch, wie ich mich am besten entspanne“, dann
verschließe ich die Tür für eine neue Erfahrung. Deshalb
betonte Bennett immer wieder: „Versuche zu lernen, alles so
zu sehen, als ob es völlig neu sei und als ob es keiner
Verbindung mit etwas hat, von dem du zuvor gehört hast.“
Tatsächlich ist alles immer wieder neu und anders, wir
nehmen es nur selten wahr.
(Viele Übungen, die du selbst ausprobieren kannst, findest
du in meinem aktuellen „Gurdjieff Praxisbuch“, siehe
„Bücher“)
Seminare und Gruppen
Du kannst einige Übungen allein für dich üben, wenn du
entsprechende Anleitungsbücher hast. Doch manches lässt
sich „richtiger“ und intensiver lernen, wenn du dich einer
Gruppe anschließt oder Seminare besuchst, die von
erfahrenen Menschen geleitet werden. So können die
"Movements" z.B. im Wesentlichen nur in Gruppen gelernt und
durchgeführt werden, da sie dafür choreographiert wurden
und sonst keinen Sinn machen (außer einigen
Bewegungsabläufen). Aber auch viele alle andere Aspekte der
Gurdjieff-Arbeit benötigen Einweisung zum besseren
Verständnis.
Es werden heute Workshops, Treffen und Seminare von Leuten
angeboten, die sich auf die Gurdjieff-Linie berufen. Ich
kann hier keine Beurteilung ihrer Arbeit geben, weil ich
sie zum größten Teil auch nicht persönlich kenne. Jede
Sucherin, jeder Sucher sollte immer selbst prüfen, welche
Art von Angebot ihr oder ihm am besten für sich selbst
erscheint. Hierzu gab Bennett den Rat, dass jeder sich eine
bestimmte Zeit setzt, um herauszufinden, ob die Gruppe
passend ist, und falls sie nicht den Vorstellungen
entspricht, diese dann wieder verlässt.
Selbstverständlich kannst du anfangs nicht beurteilen, was
„richtig“ ist bzw. ob die Gruppe oder der Leiter/die
Leiterin für dich akzeptabel ist. Das überlieferte
Verhalten von Gurdjieff ist dafür kein Maßstab. Wenn jemand
versucht, seine Verhaltensweisen (soweit sie berichtet
wurden) zu imitieren, kannst du gleich wieder gehen… Ein
Maßstab kann auch sein, wenn du feststellst, dass viel
„Geheimnistuerei“ im Spiel ist (z. B. du wirst nur auf
Empfehlung eines Gruppenmitglieds aufgenommen oder du
bekommst verboten, mit Nicht-Mitgliedern über die Gruppe zu
sprechen). Schaue auch, ob Hierarchien vorhanden sind (z.
B. auch autoritäres Verhalten des Leiters oder der
Leiterin), ob du genötigt wirst, bestimmte Dinge zu tun,
mit denen du nicht einverstanden bist, ob du regelmäßige
Beiträge bezahlen musst usw. Auch Gruppen, die
hauptsächlich theoretische Themen vermitteln – die
letztlich zur Verfestigung bestimmter Konzepte dienen oder
sogar indoktrinieren -, würde ich schnell wieder verlassen…
Meine Erfahrung hat gezeigt, dass jede „esoterische“
Geheimnistuerei überflüssig ist, da sowieso nur die
Menschen bei der Sache bleiben, die "Feuer gefangen haben"
und gemerkt haben, dass ihnen diese Arbeit hilft, ihre
eigene Entwicklung voranzubringen! Deshalb ist eines meiner
Lieblingssätze auch "nicht die Asche anzubeten, sondern das
Feuer weiterzugeben..."