Abbildung „Denkmaschine von Ramon Llull“
Ramon Llulls Werk könnte auch
die Grundlage von Oscar Ichazos (geb. 1931) "Neuerfindung"
des Enneagramms sein. Ichazo entwickelte um 1970 eine
"Persönlichtkeitstypologie", auf der alle späteren
Darstellungen von Claudio Naranjo, Helen Palmer u.v.a.
beruhen. Ramon Llull ordnete den neun Punkten der drei
Dreiecke Buchstaben zu (siehe Abb.), die wiederum mit
Bedeutungen verbunden waren. Hier finden wir die Tugenden
wie Güte, Größe, Dauerhaftigkeit, Kraft, Klugheit, Freier
Wille, Tugend, Aufrichtigkeit und Ehre, aber auch die
Laster wie Habsucht, Genusssucht, Verschwendung, Hochmut,
Verzagtheit, Neid, Zorn, Lügenhaftigkeit und
Unbeständigkeit.
Die Tugenden, Ideen, Fixierungen, Leidenschaften hat
Ichazos dann in entsprechenden "Enneagonen" (wie er es
nannte) den Punkten des Gurdjieffschen Enneagramms
zugeordnet - auch wenn er behauptet, er hätte es aus
anderer Quelle. Diese Aussage ist in keiner Weise
beweiskräftig, denn schon zur Zeit von Ichazos Geburt war
Gurdjieffs Enneagramm schon ziemlich bekannt, und als er es
1970 vorstellte, erst recht! Ich vermute, dass Ichazo das
Ennagramm benutzte, weil es als unregelmäßiges Neuneck
interessanter aussieht als ein Symbol mit drei
übereinanderliegenden Dreiecken. Meines Erachtens ist der
große Mangel an Ichazos und allen anderen
Typologie-Verwendungen des Enneagramms, dass die
ursprünglichen Querverbindungen, die das Enneagramm
auszeichnet, dabei nicht zum Tragen kommen, auch wenn
andere Interpreten wie Palmer den Versuch dazu unternommen
haben.
Ein Aspekt der Mathematik des Enneagramms
Das Geniale am Enneagramm ist geradezu die Verbindung und
Bedeutung der Kombination von drei Systemen - Kreis,
Dreieck und unregelmäßigem Sechseck und den Zahlenfolgen.
Letztere ergeben sich durch die selten vorkommende,
gleichartige Dezimale von 1/7 = 0,142857 142857 usw., 2/7 =
0,285714 … , die auch die Verlaufsrichtung des inneren
Prozesses und die Verknüpfung von Bedeutungen der einzelnen
Punkte vorgibt. Es gibt noch mehr Mathematik im Enneagramm:
Wenn man die Divisionen 1/7, 2/7 usw. durchrechnet (die
immer wieder andere Kombinationen derselben Zahlenfolge
ergeben) landet man bei der Teilung von 7 durch 7 beim
Ergebnis von 0,99999 usw. und nicht der 1.
Die 1 ist eine mathematische Zahl, die es in der
Bruchrechnung eigentlich nicht gibt.
1x = 0,9999...
-10x = 9,9999...
----------------------
-9x = -9 : (-9)
x = 1
- 9
------- = 1
- 9
Jedenfalls haben wir so die Besonderheit, dass die
Siebenerteilung nur sechs Ziffern für die Hexade
hervorbringt und die siebte Ziffer, die Neun sich am Apex
des Dreiecks damit vernetzt. Nun fehlen noch die Ziffern 3
und 6, die natürlich durch die Division von 1/3, 2/3 und
3/3 entstehen, wobei letztere wiederum der angesprochenen
Teilung von 7/7 entspricht.
Da jedoch die zwei Punkte 3 und 6 im Enneagramm durch die
Verwendung des Dreiecks "eingefügt" sind, spricht Gurdjieff
von "Öffnungen", d.h. das Enneagramm ist ein offenes
System, dessen Prozess im Zeitablauf entlang des Kreises
(1, 2, 3, 4 usw) durch Einflüsse von außen erst seine
Richtung behält oder verändert. Gurdjieff vergleicht das
mit dem "Oktavengesetz", denn eine musikalische Oktave kann
sich nur "harmonisch" entwickeln, wenn zwei Halbtonschritte
vorgenommen werden. Diese sind der Hinweis auf die
Öffnungen an Punkt 3 und 6 im Enneagramm.