Georg
Iwanowitsch Gurdjieff
(1866-1949)
Gurdjieff wurde 1866 im griechischen Viertel der Stadt
Alexandropol (heute Gyumri) im russischen Armenien geboren.
Der Name Gurdjieff entstand aus dem ursprünglichen Namen
seines Vaters Georgiades, der Georgier. Früh musste er
seinem griechischstämmigen Vater, einem einfachen Bauern
und Handwerker, bei der Arbeit helfen. Aber nicht nur das.
Sein Vater war ein begnadeter Erzähler, eine Begabung, die
Gurdjieff vermutlich erbte: "Als ich eines Abends in der
Werkstatt war, trat unvermutet mein künftiger Lehrer ein,
und ohne sich die Zeit zu nehmen, sich zu setzen, fragte er
meinen Vater: 'Wo ist Gott in diesem Augenblick?'
Mein Vater antwortete ganz ernst:
'Gott ist gerade in Sarikamisch.' Darauf fragte der
alte Priester: 'Und was macht Gott dort?' Mein Vater
erwiderte, Gott stelle dort doppelte Leitern her, und
ihrer Spitze befestige er das Glück, damit einzelne
Menschen und ganze Staaten auf ihnen hinauf- und
herabsteigen könnten."
Von seiner armenischen Mutter ist wenig überliefert, aber
von seiner Großmutter gibt es den Ausspruch: "Erinnere dich
immer an mein strenges Vermächtnis: tu nie im Leben, was
die anderen tun... Entweder tue nichts - geh nur in die
Schule, oder tue etwas, was sonst niemand tut." Trotzdem
bekam er eine gute Schulbildung in einer russischen Schule,
später Privatunterricht. Das harte Leben mit vielen
Entbehrungen und die strenge, aber gütige Erziehung machten
ihn zu einem hartgesottenen, erfinderischen und
lebensbejahenden Menschen. Schon als junger Erwachsener war
sein Leben äußerst abenteuerlich, wovon seine Erzählung
“Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen” - das auch
verfilmt wurde - einen kleinen Einblick gibt. Der Biograph
James Moore: “In Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen
machen wir eine Reise ins Innere, und zwar zusammen mit
Gurdjieffs Freunden - Priestern, Ingenieuren, Ärzten,
Fürsten -, die alle in irgendeiner Hinsicht außergewöhnlich
waren, deren Wissen, Selbstlosigkeit und Mitgefühl das
normale menschliche Maß sprengten.” Die Gruppe nannte sich
“Sucher nach der Wahrheit”, ein Thema, dem Gurdjieff auch
einen Teil seiner Musikstücke gewidmet hat.
Nach dem Studium aller ihm zugänglichen esoterischen und
philosophischen Literatur und seiner Unzufriedenheit damit
machte er sich mit dieser Gruppe in den Jahren von 1889 bis
1911 auf die Suche nach “wirklichem Wissen”, auch mit dem
Gefühl, dass die Zivilisation das alte Wissen der
Schamanen, Derwische und Mönche wegfegen würde. “Gurdjieff
war von seinem Ziel geradezu besessen. Keine Wüste war zu
heiß und kein Gebirge zu steinig, wenn sie auf der ‘Reise
zu unzugänglichen Orten’ durchquert werden mussten. Fragt
man nach seinem speziellen Beitrag zum gemeinsamen Ziel: Er
konzentrierte sich auf etwas, das man in der Physik als
Vibrationen bezeichnete, in der Musik als Tonhöhe oder
Tonalität, beim Menschen als Aufmerksamkeit, Energie und
Seelenzustand. Aus seiner - neuen - Sicht betrachtet, war
alles und jedes Schwingung. Um dieses ‘Etwas’ zu erkennen
und zu durchdringen, stürzte Gurdjieff sich aufs Studium
von Kunst, Musik, Gestik, Körper- und Geisteshaltung - vor
allem die traditionellen religiösen und weltlichen Tänze
betrachtete er als Fundgrube auf diesem Gebiet.” (James
Moore: Gurdjieff)

Gurdjieff absolvierte ab 1914 die
erste Phase seiner Lehrtätigkeit in St. Petersburg und
Moskau. Während dieser Zeit stießen später so
bedeutende Schüler wie der russische Journalist P. D.
Ouspensky, der Komponist Thomas und die Pianistin Olga
de Hartmann in seine Gruppe. Besonders diese drei
waren maßgeblich an der Verbreitung seiner Lehre
beteiligt. Ouspensky durch sein Buch „Auf der Suche
nach dem Wunderbaren“ (veröffentlicht 1949) und seine
Aktivitäten in England in den 1920er bis 1940er
Jahren, Thomas de Hartmann durch die Kompositionen von
Gurdjieffs Musik und der Entwicklung der Movements.
Wie viele Frauen spielte Olga de Hartmann ihre
bedeutende Rolle mehr im Hintergrund. Nach dem Tod
ihres Mannes lebte sie in den USA und leitete eigene
Gruppen.
Auf der Flucht vor der russischen Revolution stießen in
Tiflis, Georgien, der Bühnenbildner Alexandre Salzmann und
die Rhythmiklehrerin Jeanne Salzmann zu seiner Gruppe, mit
der er 1918 vor der Russischen Revolution geflohen war und
sich jeweils kurze Zeit an verschiedenen Orten wie Tiflis
und Istanbul niederließ. Beide spielten eine wichtige Rolle
in Gurdjieffs weiterer Arbeit. Als die Gruppe schließlich
1919 nach Deutschland kam, führte Alexandre Salzmann
Gurdjieff zur „Bildungsanstalt Jacques-Dalcroze“ in
Hellerau bei Dresden, wo Salzmann 1916 ein Bühnenbild für
eine Aufführung einer Oper mit der Tanzform der Rhythmik
nach Emile Jacques-Dalcroze kreiert hatte. Dort versuchte
Gurdjieff sein geplantes Institut anzusiedeln, das aus
verschiedenen Gründen nicht gelang. Jeanne Salzmann und
später noch weitere Schülerinnen von Jaques-Dalcroze waren
maßgeblich an der Entwicklung der Movements beteiligt, in
die viele Elemente der Rhythmik einflossen. Als Gurdjieff
weder in Berlin noch Hellerau eine Heimat fand, zog er
weiter nach Frankreich. In Paris hörte er von einem
Grundstück in der Nähe von Fontainebleau bei Paris, das er
dann kaufte und wo er 1922 sein Institut für die
„Harmonische Entwicklung des Menschen“ begründete. Sein
Hauptwerk All und Alles - Beelzebubs Erzählungen für seinen
Enkel begann er, nachdem er 1924 einen schweren Autounfall
hatte.

Als die alte Prieuré, das Gebäude
und die Ländereien des Instituts 1933 verkauft werden
mussten, fand jemand unter einem Abfallhaufen einen
Stoß Musiknoten. Es waren die Noten zur wunderbaren
Musik, die Gurdjieff zusammen mit dem Komponisten und
Pianisten Thomas de Hartmann geschrieben hatte,
darunter auch Noten zu den Tänzen, die Gurdjieff von
seinen Reisen mitgebracht, choreographiert oder neu
entwickelt hatte. Was für einen Verlust für die
Menschheit wäre es gewesen, wären diese Noten auf
einer Müllhalde gelandet! Wer die Musik und die Tänze
kennt, kann sich diesen Verlust vorstellen!
Nach Auflösung der Prieuré setzte Gurdjieff seine Arbeit in
Paris fort. Während des zweiten Weltkriegs musste er mehr
oder weniger im Untergrund arbeiten, doch die Arbeit war
weiterhin fruchtbar. In den vierziger Jahren bis zu seinem
Tod 1949 entwickelte er eine neue ungeheure Energie und
konzipierte über 200 Choreografien zu neuen Tänzen. Die
berühmtesten Tänze, die zu dieser Zeit entstanden, waren
die so genannte 39er-Serie, zu denen Thomas de Hartmann
nach Gurdjieffs Tod die Musik schrieb (siehe Bücher und
Musik).

Außerdem bildete Gurdjieff viele
Menschen aus, um seine Lehre weiterzugeben. Dazu
gehörten John G. Bennett, John Pentland, René Zuber,
Oligvanna Lloyd Wright und viele andere. Als
“natürliche” Nachfolgerin sah sich Jeanne Salzmann,
die Gurdjieff seit den zwanziger Jahren begleitete.
Ihr gemeinsamer Sohn, Michel Salzmann, der inzwischen
verstorben ist, leitete nach ihr das “Institute
Gurdjieff” in Paris, das alle Aktivitäten der
“traditionellen Linie” koordiniert. Die “lebendige
Schule” wurde meiner Ansicht nach jedoch von John G.
Bennett weitergeführt, der die Lehre Gurdjieffs nie
für “abgeschlossen” oder “endgültig” hielt. Einige
Schüler Bennetts arbeiten heute weiterhin kreativ mit
Gurdjieffs Lehre.
Der Sinn des Lebens
Was ist nun das Besondere an Gurdjieffs Lehre und Weg, das
ihn von anderen Lehren unterscheidet? Als erstes würde ich
seine zentrale Frage herausstellen: “Was ist der Sinn und
Zweck des Lebens und des menschlichen Lebens im
besonderen?” Denn diese Fragestellung bringt uns zum Kern
eines Weges, bei dem die menschliche Evolutionsmöglichkeit,
die Evolution der Seele und des Bewusstseins im Vordergrund
steht.
Wenn das Leben nicht zufällig aufgrund materieller
Reaktionen entstanden ist, dann muß es einen Zweck
erfüllen. John G. Bennett, einer der bedeutendsten Schüler,
die Gurdjieffs Arbeitslinie nach 1949 weitergeführt haben,
fragt darüber hinaus: “Wenn der Mensch wie alles Lebendige
und Nichtlebendige, das im Weltall existiert, ein Apparat
zur Umwandlung von Energien ist, was ist dann Besonderes an
ihm? Wenn wir unsere kosmische Funktion ausführen, wonach
können wir für unsere eigene individuelle Erfüllung
streben. Wenn nun das Leben außer der persönlichen
Erfüllung einen Zweck haben soll, bekommt die Idee der
menschlichen Evolution auch einen anderen Sinn als zum
Beispiel im buddhistischen Weltbild, in dem es um die
persönliche Befreiung geht. Das ist sicherlich auch ein
Aspekt, aber er erfasst die menschliche Existenz nicht in
der vollen Tragweite. Gurdjieffs Beitrag für eine neue
Weltanschauung ist, dass alles Existierende sich
gegenseitig erhält und einem Zweck dient. Die Rolle des
Menschen ist dabei die bewusste Umwandlung von materiellen
Energien zu bewussten Energien.
Der zweite, wichtige Teil dieser Erkenntnis ist, dass wir
als Menschen uns zumeist nicht darüber bewusst sind, dass
wir - ob wir es wollen oder nicht - nur diesem kosmischen
Zweck dienen und ohne eigene Anstrengung nichts für uns
übrig bleibt. Denn wir sind durchaus in der Lage, eine
besondere Qualität und Intensität in unser Leben zu
bringen, so dass wir einen Teil der Energie für den
kosmischen Zweck abgeben und einen anderen Teil für unsere
eigene seelische Entwicklung behalten können.