Gurdjieffs Lehre
(leicht
veränderte Fassung aus dem „Lexikon der Spiritualität“,
Atmosphären-Verlag. © 2005 Bruno Martin)
Georg Iwanowitsch Gurdjieff (1866-1949) war eine der
außerordentlichen spirituellen Persönlichkeiten des 20. Jh.
Während andere große Lehrer innerhalb einer Tradition
standen oder stehen, hat Gurdjieff wie sein Zeitgenosse
Rudolf Steiner (1861-1925) einen eigenen Weg begründet.
Durch die Veröffentlichung seiner Lehre von seinem Schüler
P. D. Ouspensky „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ wird
dieser Weg als der „Vierte Weg“ bezeichnet, weil er –
bildhaft gesprochen - die Wege des Fakirs (Körper,
Karma-Yoga), des Mönches (Seele, Bhakti-Yoga) und des Yogi
(Geist, Raja-Yoga) vereint. Doch es ist mehr als eine
Synthese. Es geht um die Transformation des Menschen zur
Ganzheit, in dem das „wirkliche Ich“, der individuelle
spirituelle „Wille“ seinen Platz im Wesen des Menschen
einnimmt, denn nach Gurdjieffs Einsichten leben wir mehr in
der äußeren, fremdbestimmten Persönlichkeit.
Gurdjieff absolvierte ab 1914 die erste Phase seiner
Lehrtätigkeit in St. Petersburg und Moskau. Während dieser
Zeit stießen später so bedeutende Schüler wie der russische
Journalist P. D. Ouspensky, der Komponist Thomas und die
Pianistin und Tänzerin Olga de Hartmann in seine Gruppe.
Besonders diese drei waren maßgeblich an der Verbreitung
seiner Lehre beteiligt. Ouspensky durch das erwähnte Buch
und seine Aktivitäten in England in den 1920er bis 1940er
Jahren, Thomas de Hartmann durch die Kompositionen von
Gurdjieffs Musik und der Entwicklung der Movements. Wie
viele Frauen spielte Olga de Hartmann ihre bedeutende Rolle
mehr im Hintergrund. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie in
den USA und leitete eigene Gruppen.
Auf der Flucht vor der russischen Revolution stießen in
Tiflis, Georgien, der Bühnenbildner Alexandre de Salzmann
und die Rhythmiklehrerin Jeanne de Salzmann zu seiner
Gruppe, mit der er 1918 vor der Russischen Revolution
geflohen war und sich jeweils kurze Zeit an verschiedenen
Orten wie Tiflis und Istanbul niederließ. Beide spielten
eine wichtige Rolle in Gurdjieffs weiterer Arbeit. Als die
Gruppe schließlich 1919 nach Deutschland kam, führte
Alexandre de Salzmann Gurdjieff zur „Bildungsanstalt
Jacques-Dalcroze“ in Hellerau bei Dresden, wo Salzmann 1916
ein Bühnenbild für eine Aufführung einer Oper mit der
Tanzform der Rhythmik nach Emile Jacques-Dalcroze kreiert
hatte. Dort versuchte Gurdjieff sein geplantes Institut
anzusiedeln, das aus verschiedenen Gründen nicht gelang.
Jeanne de Salzmann und später noch weitere Schülerinnen von
Jaques-Dalcroze waren maßgeblich an der Entwicklung der
Movements beteiligt, in die viele Elemente der Rhythmik
einflossen. Als Gurdjieff weder in Berlin noch Hellerau
eine Heimat fand, zog er weiter nach Frankreich. In Paris
hörte er von einem Grundstück in der Nähe von
Fontainebleau bei Paris, das er dann kaufte und wo er 1922
sein Institut für die „Harmonische Entwicklung des
Menschen“ begründete.
Viele damals berühmte Frauen und Männer aus Kunst,
Literatur und Wissenschaft besuchten das sehr improvisierte
Ausbildungsinstitut in der alten Prieuré. Durch sie wurden
seine Ideen auf vielfältige Weise besonders in den
angelsächsischen Ländern verbreitet und beeinflussten
spätere Entwicklungen wie die humanistische und
transpersonale Psychologie. Durch P.D. Ouspenskys Werk „Auf
der Suche nach dem Wunderbaren – Fragmente einer
unbekannten Lehre“, das erst nach dessen Tod 1949
veröffentlicht wurde, wurden Gurdjieffs Ideen weltweit
bekannt – bekannter als Gurdjieff selbst mit seinem eigenen
Hauptwerk „All und Alles – Beelzebubs Erzählungen für
seinen Enkel“.
Heute sehr verbreitet und populär ist das Symbol des
Enneagramms, das mit einer Persönlichkeitstypologie
verbunden ist, von Gurdjieff jedoch ursprünglich als
Prozessmodell zum Verständnis kosmischer Gesetze und den
Gesetzen menschlicher Entwicklung eingeführt worden war.
Gurdjieffs eigene „Wesenstypologie“, die „Wissenschaft der
Idiotie“ ist weitgehend unbekannt (ich werde demnächst ein
Buch dazu veröffentlichen, siehe „Bücher“)
Wie die gnostische oder alchemistische Tradition, die in
seine Lehre eingeflossen ist, entwickelte er eine eigene
Sprache und Ausdrucksform, die heute schon wieder
antiquiert erscheint, jedoch mit Absicht gewählt wurde.
„Er pflegte abstrakte Begriffe zu verdinglichen, konkrete
Ausdrücke in einem abstrakten Sinne zu gebrauchen, Gesetze
und Prinzipien zu personifizieren. Dies erfordert, dass
man, wenn man ihn liest, sich bemüht, die Absicht und das
Wesentliche zu erfassen, was eine beträchtliche Veränderung
unserer Lesegewohnheit verlangt.“ (John G. Bennett: Der
Aufbau einer neuen Welt, S. 293)
Es war Gurdjieffs wesentlicher Beitrag zur heutigen
Spiritualität, dass er traditionelle Lehren vieler
asiatischer Überlieferungen und viele vor 80 Jahren
aktuelle psychologische und naturwissenschaftliche
Erkenntnisse zu einer eigenständigen Lehre und einem
geistigen Weg transformierte. In vieler Hinsicht ist es
eine synkretistische Lehre, doch durch tiefe Einsicht in
die menschliche Struktur verstand er es, unterschiedliche
Methoden und Philosophien, praktische Übungen und
psychologisches Know-how zu einem ganzheitlichen „System“
zusammenzuführen.
Titelillustration für den
Prospekt zu Gurdjieffs
„Institut der harmonischen Entwicklung des Menschen“,
1923
Gurdjieffs Lehre beruht auf
mehreren „Transportmitteln“: seinen Schriften, seinen
Methoden und Techniken für die „harmonische Entwicklung“,
seinen rituellen Tänzen, seiner Musik, dem Enneagramm und
der rituellen Mahlzeit mit den „Toasts auf die Idioten“. In
Gurdjieffs Lehre gibt es keine Dogmen, er nannte das
Wissen, das er vermittelte, einfach „Ideen“. Ideen sind
geistige Bilder, die jeder Mensch auf seine Weise verstehen
und damit arbeiten kann. Sie sind nicht statisch.
Seine Strategie war es, viele alte spirituelle Ideen in
zeitgemäße Interpretationen umzuwandeln, um so mit seinem
System die wissenschaftlich geprägten Menschen des 20. Jh.
besser zu erreichen. In seiner Methodik und Präsentation
neuer Gedanken scheint die Zen-Philosophie durch, die eine
Präsentation immer unvollendet lässt oder paradoxe Ideen
aufwirft, an denen ein Schüler längere Zeit arbeiten muss.
Auf gleiche Weise arbeitete Gurdjieff mit seinen Schülern
(Schulen des Augenblicks). Eine langjährige Schülerin,
Solange Claustres, bezeichnet ihn in ihren Erinnerungen als
„Zen-Meister und Samurai“.
Als „Meister des Augenblicks“ experimentierte er ständig
mit neuen Übungen und Methoden, aus denen besonders
Methoden der Selbstbeobachtung, des Selbststudiums sowie
das Training der Aufmerksamkeit hervorstechen. Bedeutend
sind seine „alchemistischen“ Übungen für die
Energietransformation in Verbindung mit Atemtechniken und
körperlicher Arbeit und vor allem die sehr effektvollen
rituellen Tänze.
Die Tänze, die einfach
„Movements“ genannt wurden, sind ein zentraler und
attraktiver Bestandteil seiner Methode. Die über 200
verschiedenen Choreografien werden als Gruppentänze
gelehrt. Sie dienen nicht nur dazu, die verschiedenen Teile
des Menschen zu harmonisieren, sie sind auch ein intensives
und effektives Training der Aufmerksamkeit und des Willens.
Im Unterschied zur Ballettchoreografie oder dem
Ausdruckstanz, der zur gleichen Zeit entstand, beruhen
Gurdjieffs Choreografien auf mathematischen Strukturen, die
dem Tänzer „kosmische Gesetzmäßigkeiten“ vermitteln sollen.
Die Sprache der Körperhaltung und Gestik wird in vielen
Übungssystemen als Steuerungssystem für veränderte
Wachbewusstseinszustände genutzt.
Gurdjieff hat außer der Musik für die Tänze etwa 200
weitere Musikstücke zusammen mit dem russischen Komponisten
Thomas de Hartmann komponiert. „Keine dieser Kompositionen
ist eine sklavische Nachahmung ethnischer Musik. Gurdjieff
verwandelt und integriert die subtile Essenz einer uralten
Überlieferung und vermittelt sie dem modernen Menschen als
Aufforderung, aufzuwachen, und als Unterstützung seines
Strebens nach wirklichem Sein“, schreibt der
Gurdjieff-Biograf James Moore (in: Gurdjieff – Eine
Biographie, München 1992, S. 360).
Neufassung dieses Artikels © Bruno Martin
2007