John G. Bennett - eine kurze Biographie
John Godolphin Bennett wurde am 8. Juni 1897 in
England geboren. Es gibt viele gute Gründe, uns seine
Lebensleistung in Erinnerung zu rufen. Denn Bennett war
nicht nur ein brillanter Mathematiker und Philosoph, er war
auch einer der außergewöhnlichen spirituellen Lehrer des
zwanzigsten Jahrhunderts.
Bennetts „Suche nach der Wahrheit“ begann durch ein
intensives „Nahtodeserlebnis“ im ersten Weltkrieg. 1919
wurde Bennett nach Istanbul geschickt, wo er für den
britischen Geheimdienst arbeitete. Dort kam er in Kontakt
mit türkischen Derwischen des Mevlevi-Ordens. 1920 lernte
er den Journalisten P.D. Ouspensky kennen, über den er in
Kontakt mit dem geheimnisvollen Bewusstseinslehrer G. I.
Gurdjieff kam, der sich gerade in Istanbul aufhielt. Diese
Begegnung beeindruckte ihn so nachhaltig, dass Bennett ihn
1923 dann in Gurdjieffs „Institut für die Harmonische
Entwicklung des Menschen“ in Fontainebleau nahe Paris
aufsuchte. Aus beruflichen Gründen musste Bennett jedoch
bald wieder nach England zurück.
Dort schloss er sich später für einige Jahre P.D. Ouspensky
an, einem Gurdjieff-Schüler aus der russischen Zeit, der
sich in England niedergelassen hatte und Gurdjieffs Ideen
nach seiner eigenen Interpretation lehrte. Durch die Wirren
des zweiten Weltkrieges und Ouspenskys Ablehnung Gurdjieffs
verlor Bennett den persönlichen Kontakt zu Gurdjieff. Nach
Ouspenskys Tod 1947 ging Bennett wieder zu Gurdjieff nach
Paris, wo er nahezu zwei Jahre an Gurdjieffs Gruppen
teilnahm.
Nach Gurdjieffs Tod im Jahre 1949 bildete Bennett eine
eigene Gruppe in Coombe Springs bei London. Gurdjieff hatte
Bennett inspiriert, nach dem inneren Muster der
Spiritualität zu und darüber hinaus nach den Quellen des
wirklichen Wissens zu suchen. Deshalb forschte er nach der
Herkunft von Gurdjieffs Lehren, unternahm Reisen in den
Orient auf der Suche nach Gurdjieffs Lehrern und lernte
einige östliche Meister kennen, die ihm bei seiner Suche
halfen. Diese Reisen beschreibt er ausführlich in Journeys
to Islamic Countries. Später begegnete er weiteren
interessanten Lehrern der Weisheit. Um nur einige der
bekannteren zu erwähnen: Hasan Shushud, ein türkischer Sufi
in der Tradition der „Meister der Weisheit“, Suleiman Dede,
ein Mevlevi-Scheich in Konya; Pak Subuh, der indonesische
Begründer des Subud;. Maharishi Mahesh Yogi, der Begründer
von TM; Shivapuri Baba, ein indischer Rishi, der 136 Jahre
alt wurde; Idries Shah, der einen westlichen Sufismus
propagierte, und Reshad Feild, der Begründer der "Lebenden
Schule". Zusätzlich zu diesen Forschungen und Erfahrungen
liess Bennett wesentliche Einflüsse aus verschiedenen
traditionellen Lehren, moderner Psychologie und
zeitgenössischen physikalisch-wissenschaftlichen
Erkenntnissen in seine Arbeit einfliessen.
Einen prägenden Hintergrund für Bennetts spirituelle Arbeit
bildete sein Beruf als Mathematiker. Durch sein frühes
Nahtodeserlebnis versuchte er immer wieder zu ergründen,
was es mit den anderen, unsichtbaren Bereichen der
Wirklichkeit auf sich hat und wie diese in unser
physikalisch geprägtes Verständnis einer Welt aus drei
Raum- und einer Zeitdimension hineinpassen. Er kam zu der
Erkenntnis, dass es außer der gewöhnlichen Zeitdimension
auch eine fünfte Zeitdimension geben müsse und entwickelte
ein mathematisches Modell dafür. In einfachen Worten:
Während „Zeit“ die Verwirklichung von Potenzialen
ermöglicht, enthält die fünfte Zeitdimension, die er
„Ewigkeit“ nennt, diese Potenziale. „Ewigkeit“ ist die
Fähigkeit zu sein, der gegenwärtige Augenblick des Lebens
in seiner Fülle. In seinen Visionen überschritt er auch
diese Dimension, denn die Fähigkeit zu tun, die Welt des
kreativen Willens, ist eine weitere, die sechste Dimension,
die jenseits unseres Bewusstseins wirkt. Diese Arbeit fand
ihre praktische Umsetzung in „Systematics“, einer Methode,
die gleichermaßen für unternehmerische Organisation wie für
das philosophische Verständnis von Qualitäten und Prozessen
brauchbar ist, die sich nicht mit quantiativen
mathematischen Analysen verstehen lassen. Das „Enneagramm“
ist Teil dieser Methode. Diese Erkenntnisse vermittelte er
in dem intellektuell herausfordernden vierbändigen Werk The
Dramatic Universe. Es wurde leider nie ins Deutsche
übersetzt. Das vorliegende Buch "Hasard - Risiko und
Freiheit" gibt Gedanken aus The Dramatic Universe in
allgemeinverständlicher Weise wieder, auch das ein
herausragendes Ergebnis von Bennetts philosophischer
Genialität.
Neben seiner beruflichen Tätigkeit in der
Kohlenstoffchemie und seiner 10 Jahre dauernden Arbeit an
Systematics leitete Bennett Gruppen des „Vierten Weges“.
Diese Gruppenarbeit beruht auf den Methoden und Einsichten
G. I. Gurdjieffs, bei der es um die „harmonische
Entwicklung des Menschen“ geht. Aufgrund seiner
langjährigen Erfahrungen mit diesen Lehren und den neuen
Erkenntnissen über das strukturierte Lernen war Bennett in
der Lage, Gurdjieffs Methoden weiterzuentwickeln und
außerdem mit Techniken und Methoden anderer Lehren zu einem
ganzheitlichen Schulungsweg zu verbinden. In der Würdigung
zu seinem Todestag am 13. Dezember 1974 schrieb die
englische Zeitschrift Times: „Um John Bennetts Leistung zu
verstehen, muss man die Einsicht G.I. Gurdjieffs
anerkennen, welcher nachdrücklich betonte, dass der Mensch
völlig blind geworden sei für das, was wirklich ist.
Bennett, der leicht eine brillante Zukunft als
Wissenschaftler hätte haben können, wurde einer der
wichtigsten Lehrer der Ideen Gurdjieffs und Ouspenskys von
der Umwandlung des Menschen. Er glaubte, dass eine Lehre
des Lebens verloren geht, wenn nicht ständig neue
Einsichten gefunden werden, die ihre Bedeutung erneuern.“
Bennetts Bedeutung liegt jedoch nicht so sehr darin, dass
er zu einem unabhängigen "Nachfolger" oder Exponent von
Gurdjieffs Ideen wurde, sondern dass er es verstand, an dem
angefangenen Gebäude von Gurdjieffs Lehre und seinen
Methoden weiterzubauen. „Ich dachte darüber nach, dass
Gurdjieff immer nur für begrenzte Zeit mit jemandem
zusammengearbeitet und ihn dann weggeschickt oder gar
vertrieben hatte. Mit war auch bewusst, dass sein Institut
in Fontainbleau selbst in seiner Blütezeit nicht mehr als
ein Experiment gewesen war. Wollte ich es besser machen, so
musste ich in der Lage sein, mich ganz dieser Aufgabe zu
widmen - und dazu brauchte ich die richtigen Leute, einen
geeigneten Platz und genug Geld, um von materiellen Sorgen
frei zu sein.“ [Bennett in seiner Autobiographie] Als er
seine Entscheidung getroffen hatte, kamen diese Dinge in
sehr kurzer Zeit tatsächlich zusammen. Er gründete 1971 die
„Academy for Continous Education" in Sherborne,
Gloucestershire (England), das in seinen vier letzten
Lebensjahren zu einem bemerkenswerten Schulungsprojekt
wurde. Der Begriff des "lebenslangen Lernens" wurde so in
unser Bewusstseinsfeld gebracht. Mit dieser Akademie setzte
Bennett auch seine Vision um, dass die Wirklichkeit immer
wieder neu erschaffen wird - und erschaffen werden muss.
Bennett brachte den Reichtum an Erfahrung und des Wissens
einer fünfzigjährigen Suche nach dem Verstehen der
Wirklichkeit in dieses Projekt ein. So war diese Akademie
eine neue „Schule des Augenblicks“, bei der es darum geht,
die menschlichen Qualitäten herauszuarbeiten, um das
kreative Potential, das jeder hat, zu verwirklichen.
Die Ausbildung in einem Zehnmonatskurs war für rund hundert
Menschen aus aller Welt konzipiert. Praktische Arbeit im
Garten und den Parkanlagen des viktorianischen Schlosses,
Versorgung und Mahlzeiten, Reinigung des Hauses - alles
verbunden mit Übungen der Selbstbeobachtung, der
Aufmerksamkeit und vielen anderen Techniken zur
Bewusstseinsweckung - wechselten sich ab mit theoretischen
Studien, inneren Übungen und den rituellen Tänzen, die
Gurdjieff entwickelt hatte. Der tägliche Stundenplan war
voller Ereignisse, von morgens um 6 bis spätabends um 22
Uhr. Und trotz des Rahmens dieses täglichen Stundenplans
war alles Geschehen im Fluss und erforderte eine hochgradig
konzentrierte Aufmerksamkeit - jeder Moment war eine
Herausforderung. (Ausführlich im Buch: von Alan Roth:
Sherborne - An Experiment in Transformation, Bennett Books)
Die Akademie war ein außergewöhnliches und erfolgreiches
Schulungsexperiment. Rund fünfhundert Menschen wurden
ausgebildet. Einige führten unter Leitung des direkten
Gurdjieff-Schülers Pierre Eliott, Bennetts engstem
Mitarbeiter in Sherborne, ein weiteres Schulungsprojekt in
Claymont, West-Virginia (USA) fort, das Pierre Eliott über
10 Jahre leitete. Viele Schüler Bennetts stehen heute in
verantwortlichen Positionen oder sind unternehmerisch
tätig. Einige leiten selbständig Gruppen in aller Welt.
John G. Bennett schrieb außer seinem Hauptwerk The Dramatic
Universe weitere wichtige Bücher zur spirituellen
Entfaltung des Menschen. Viele seiner veröffentlichten
Bücher sind aus Vorträgen zusammengestellt, die er immer
frei hielt. Alle Werke sind im Literaturverzeichnis
aufgeführt.
John G. Bennett starb am 14. Dezember 1974, nachdem er
morgens seinen Schülern in Sherborne House noch das
Frühstück serviert hatte. Seine Frau Elizabeth berichtete
später, dass er bereits schon eine Woche zuvor wusste, dass
er an diesem Tag sterben würde.
Bruno Martin
Bibliographie von J. G. Bennett
Das Durchqueren des Großen Wassers - Autobiographie,
Oberbrunn 1984
Der grüne Drache, Südergellersen 1993
Die inneren Welten des Menschen, Südergellersen 1984
Die Meister der Weisheit, Südergellersen 1993
Ein neues Bild Gottes, Südergellersen 1980
Eine lange Pilgerreise, Südergellersen 1985
Eine spirituelle Psychologie, Frankfurt 1977
Energien, Salzhausen 1982
Gurdjieff - Der Aufbau einer neuen Welt, Freiburg 1976
Gurdjieff entschlüsselt, Frankfurt 1981
Harmonische Entwicklung, Salzhausen 1982
Sex, Frankfurt 1976
Subud, Remagen 1958
Transformation, Pittenhardt 1978
Eine Auswahl der nicht ins Deutsche übersetzten Werke:
Creative Thinking, Santa Fe 1998
Elementary Systematics, Santa Fe 1993
Enneagram Studies, York Beach 1983
Journeys to Islamic Countries, Santa Fe 2000
Making a Soul, Santa Fe 1995
Sacred Influences: Spiritual Action in Human Life, Santa Fe
1989
The Dramatic Universe, vier Bände, neu veröffentlicht
Charles Town 1987
The Way to be Free, New York 1980