"Nach der Selbst-Verwirklichung sind alle Verhaltensweisen oder Handlungen, die durch den Körper eines Weisen zum Ausdruck kommen, spontan und frei von allen Bedingtheiten. Sie lassen sich nicht durch irgendeine Disziplin binden.“
Sri Nisargadatta Maharaj
"Der Tausendfüßler ging seelenruhig und spontan seines Weges; als er gefragt wurde, wie er es schaffte, all die Bewegungen seiner tausend Füße zu koordinieren, dachte er darüber nach und war darauf nicht mehr imstande zu laufen." Diese Parabel zeigt den Kern der Ausbildung in einer "Schule des Augenblicks". Für den japanischen Schwertkampf Kendo, das eine Schule des "Zen der plötzlichen Erleuchtung" ist, muss der Schüler lernen, jederzeit im Hier und Jetzt zu sein. "Wenn der Geist bei irgendeinem Objekt verweilt, sei es das Schwert des Gegners oder der Gegner selbst, das eigene Schwert, der eigene Körper, die Handlung, die man zur Verteidigung oder zum Angriff ausführen will, ist man auf jeden Fall überwunden und besiegt. Der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt muss überwunden werden. Der Angriff und die Verteidigung müssen ein einziges Ding werden" (Nitobé in: Bushido). Das Ziel der Ausbildung ist "der untrübbare Geist". Dies ist ein "Geist" der sich "von jeder Reglementierung befreit hat, jede Einengung durch menschliche Bedingtheiten zurückweisen und aus eigener Kraft und nach eigenem Gutdünken fließen" muss.
Einer der "Meister des Augenblicks", der "interspirituelle" Lehrer G.I. Gurdjieff, entwickelte für dieses Training unter anderem Gruppentänze und Bewegungsübungen, bei denen nicht nur die verschiedenen Körperteile zu einer Musik koordiniert bewegt werden müssen, sondern manchmal auch gegen den Rhythmus der Musik. Gleichzeitig muss der Schüler sich auf die Bewegungen der anderen Tänzer einstellen und mit ihnen koordinieren. Ballett-Tänzer lernen dies auch. Bei Gurdjieff kommen außerdem komplizierte Wort- oder Zahlenfolgen dazu, die im Kopf gedacht oder laut ausgesprochen werden; desweiteren muss der Schüler bestimmte Stellen seines Körpers in einer bestimmten Reihenfolge spüren und Gefühle aktivieren. Diese komplizierte Verbindung bringt den Schüler entweder dazu, an der Übung zu verzweifeln oder er schafft es wie der Tausendfüßler, in sein Zentrum zu kommen, so dass die Übung wie von alleine fließt und der Geist des Übenden sich der Situation voll bewusst ist.
"Schulen des Augenblicks" gibt es innerhalb vieler spiritueller Traditionen. Ich sage bewusst "innerhalb", weil nicht alle bekannte Traditionen, die aufgrund der Literatur als "Schule des Augenblicks" gelten, grundsätzlich auch solche sind. Es gibt starre zenbuddhistische Schulen genauso wie starre Sufi-Schulen. In gewisser Weise sind die "spontanen" Lehrformen wie Sahnehäubchen auf einem Capuccino. Eine besondere Linie dieser Schulen verschiedenster Traditionen lassen sich unter dem Oberbegriff der heiligen Verrücktheit oder verrückten Weisheit zusammenfassen. "Um spirituelle Wahrheiten zu vermitteln, greifen jene Meister häufig zu sehr unkonventionellen Mitteln, die man von religiösen Menschen nicht erwarten würde. So benutzen sie beispielsweise Alkohol sowie Drogen aller Art und Sexualität für die religiöse ["spirituelle", würde ich sagen] Unterweisung. Ob sie in der Gosse oder im größten Luxus leben, ist ihnen gleichgültg, und ihr nach konventionellen Maßstäben oft unerhörtes Verhalten entspricht meist ganz und gar nicht unseren liebgewonnenen Vorstellungen von Religion, Moral und Heiligkeit." (Georg Feuerstein)
In einer "Schule des Augenblicks" geht es immer um die direkte Wahrnehmung der Wirklichkeit des Seins ohne Schnörkel und umständliche Ritualisierungen. Doch man sollte sich nicht vom Anschein täuschen lassen. Wenn z.B. Schamanen (à Schamanismus) farbenfrohe Kleidung anziehen und mit viel Brimborium Rituale durchführen, heißt das nicht, dass sie formal arbeiten. Das ist nur der äußere Schein. Nachgefragt sagen sie, dass sie das für ihr Publikum machen, die das Bedürfnis nach "magischen" Darbietungen hat. Auf diese Weise wird der Heilerfolg verstärkt. Doch ihre eigentliche Arbeit muss immer äußerst spontan sein, weil sie mit einer Welt in Berührung kommen, die nicht unseren Zeitmaßstäben unterliegt. Die "Geister" mit denen sie es in einer "anderen Wirklichkeit" zu tun bekommen, sind unberechenbar.
"Schule des Augenblicks" bedeutet zu lernen, die lebendige Wirklichkeit durch einen Moment der Geistesgegenwart zu erwischen. Die Grundlage des Trainings basiert auf der Fähigkeit und Schulung, in jedem Augenblick achtsam zu sein und die Aufmerksamkeit bis an ihre Grenzen auszudehnen. Eine Zen-Geschichte illustriert dieses Thema eingängig:
"Zen-Schüler bleiben mindestens zehn Jahre lang bei ihrem Meister, bevor sie es wagen können, andere zu belehren. Nan-in erhielt Besuch von Tenno, der, nachdem er seine Lehrzeit hinter sich gebracht hatte, ein Lehrer geworden war. Der Tag versprach regnerisch zu werden, darum trug Tenno Holzschuhe und hatte einen Regenschirm bei sich. Nachdem Nan-in ihn begrüßt hatte, bemerkte er: 'Ich nehme an, du hast deine Holzschuhe im Vorraum gelassen. Ich möchte gerne wissen, ob dein Regenschirm rechts oder links von den Holzschuhen steht.' Tenno wusste in seiner Verwirrung keine sofortige Antwort zu geben. Er erkannte, dass er nicht in der Lage war, seine Aufmerksamkeit in jeder Minute bei sich zu haben und studierte weitere sechs Jahre bei Nan-in."
Selbstverständlich muss das durch vielfältige Übungen, die darauf hinzielen, die Aufmerksamkeit zu schulen, gelernt werden. Dabei wird selten mit vorgegebenen Formen gearbeitet. "Ein bestimmter Sufi wurde gefragt: "Warum tolerieren Sie unbesonnene Fragen?" Er lächelte und sagte: "Um für uns alle, die Vorurteile zu haben, derartige Fragen kennenzulernen, wie sie gerade eine gestellt haben." Eine häufig beschriebene Lehrmethode ist eine Reise mit dem Meister. Gurdjieff nutzte die Methode der unmittelbaren Erkenntnis auch, wenn er mit einigen Schülern Ausflüge mit dem Auto unternahm. "Wir brachen mit drei Autos auf, und andere fuhren mit dem Zug, um sich uns in Vichy anzuschließen. Eines von Gurdjieffs Überraschungsmanövern bestand darin, vor der verabredeten Zeit loszufahren. Wer das nicht wusste, der mochte zwar pünktlich zur Stelle sein, musste dann aber feststellen, dass die anderen schon vor einer halben Stunde aufgebrochen waren." In jeder Situation ist der Schüler so vor immer neue, unerwartete Herausforderungen gestellt. Das schult die Wachheit und innere Flexibilität.
Der Alltag ist ein breites Übungsfeld; alle großen Meister - mit wenigen Ausnahmen - benutzen die alltäglichen Umstände für die beispielhafte Ausbildung der Schüler. Der "Meister" oder die "Meisterin" mag dem Schüler bestimmte Aufträge oder Aufgaben geben, die er besonders "richtig" erfüllen muss, oder er lernt durch das Handeln des Lehrers, der ihn immer wieder durch Unberechenbarkeit fordert. Auch wenn bestimmte Handlungen oft widersprüchlich oder paradox erscheinen, bei einem "Meister des Augenblicks" geschieht selten etwas ohne Grund. Es wäre aber unvernünftig, ihn deswegen für "unfehlbar“ zu halten....
Ein schönes Beispiel für eine unerwartete Handlungsweise gibt folgende Geschichte: "Ein Sufi gab eine Reihe von Vorträgen, die begeistert aufgenommen wurden. Während des Vortrags pausierte er von Zeit zu Zeit und blickte in einen dicken Stapel von Blättern, die vor ihm lagen. Ein Zuhörer ging nach dem Vortrag zum Pult und bat den Sufi, ob er diesen Vortrag in seinem Universitätsmagazin veröffentlichen dürfe. Beiläufig blickte er in die Papiere und stellte fest, dass diese vollkommen leer waren. 'Sie scheinen einen Notizblock zu haben, der gar keine Notizen enthält', sagte er. 'Ach ja', antwortete der, 'das hat seinen Grund. Ich konnte früher häufig bemerken, dass viele Leute das kritisieren, was ich vortrage, weil sie meinen, es sei nicht sorgfältig genug ausgearbeitet, wenn es frei gesprochen wird. Oder sie interessieren sich mehr für die Tatsache, dass man ohne Notizen sprechen kann und hören auf, dem Vortrag zuzuhören."
Von einigen Zen-Meistern (à Zen) werden ähnliche Anekdoten überliefert. Ein Zen-Meister, in dessen Raum es durch das undichte Dach regnete, rief seinen Aufwärtern zu, sie sollten ihm etwas bringen, womit man die Tatami (Strohmatten) trocken halten könne. Einer von ihnen brachte ohne einen Augenblick des Zögerns einen Bambuskorb, während der andere überall nach einem festen Zuber suchte... Der Meister, so wurde überliefert, war hocherfreut über den Mönch, der den Korb brachte. Er hatte den Zen-Geist erfaßt... Dies nennt man im Zen 'Nicht-Unterscheidung' (nach D.T. Suzuki). Es geht in diesem Beispiel eben nicht um den "richtigen" Eimer, sondern vielmehr um die spontane "Richtigkeit".
Als "Meister des Augenblicks" geht es den Zen-Meistern bei der Schulung nicht so sehr darum, den Schüler tagelang meditieren oder Koans (paradoxe Lehrsätze) lösen zu lassen, sondern die Aufmerksamkeit des Schüler für jeden Augenblick so wach zu halten, dass er eine Entscheidung treffen kann, die gerade richtig ist, oder eine spontane Erkenntnis gewinnt - auch wenn sie in einem anderen Moment falsch sein kann. Koans sind auch Übungen darin, bei alltäglichen Verrichtungen einen Teil der inneren Aufmerksamkeit wachzuhalten. Spontane Erkenntnisse können bei jeder Gelegenheit auftreten, der Adept muss nur fähig sein, diese „Erleuchtung“ oder die Intuition im gegebenen Moment wahrzunehmen. Es gibt viele überlieferte Koans, doch ein wirklicher Meister wird seine eigenen „erfinden“. Diese Fähigkeit wird z.B. in der Zen-Malerei ausgedrückt. "Kein Zögern ist erlaubt, kein Löschen, kein Nachziehen, kein Retuschieren, kein Neugestalten... Einmal gezogen, stehen die Linien ein für allemal unverrückbar fest. Die Inspiration ist etwas Spontanes, Absolutes, Augenblickliches..." (D.T.Suzuki).
Methoden einer "Schule des Augenblicks"
Eine "Schule des Augenblicks" nimmt je nach Bedarf eine neue Form an, sie hat keine formale Methode und kein festes Lehrgebäude. Natürlich benötigt jedes Training, sei es in einer Gruppe, einer Gemeinschaft oder in einem Kloster eine gewisse äußere Struktur, doch wenn sie im Kern die Geistesgegenwart der Schülerinnen und Schüler ausbilden will, dann muss man damit rechnen, dass die tägliche Routine immer wieder durchbrochen wird. Der Unterschied zwischen Mahamudra (à Tibet-Tantra) und à Zen verdeutlicht diese zwei Formen: Als es nach Hui Neng (638-713) zur Teilung der Schulen kam, verwandelte sich das chinesische Zen sowohl im Stil auch in der Praxis. Im Gegensatz zum Mahamudra kennt das spätere Zen keine "Wegmarkierungen" oder Instruktionen. Der Schüler muss "im Dunkel" beginnen, dem Meister vertrauen und eine plötzliche innere Erleuchtung erreichen. Mahamudra bietet eine Schritt-für-Schritt-Schulung.
In einer Schule des Augenblicks sind die Dinge nie so, wie sie scheinen. In Gurdjieffs Übungszentrum Fontainebleau gab es einen Teilnehmer, mit dem keiner zurechtkam. Er war reizbar, schlampig, fing mit allen Streit an und wollte sich auch sonst nicht so recht beteiligen. Als er schließlich abreiste, waren alle froh. Gurdjieff hielt ihn jedoch am Bus an, um ihn zurückzuholen. Der Mann hatte jedoch keine Lust mehr. Schließlich bot ihm Gurdjieff einen ansehnlichen Lohn für seine Rückkehr an. Als die anderen Schüler davon hörten, brach ein Aufruhr aus. Gurdjieff lachte und erklärte ihnen den Grund: "Dieser Mann ist für euch das, was fürs Brot die Hefe ist. Wenn er nicht hier wäre, würdet ihr niemals lernen, was Wut, Reizbarkeit, Geduld und Erbarmen ist. Deshalb müsst ihr mir Geld für den Aufenthalt bezahlen, und ich bezahle ihn, damit ihr etwas lernen könnt." Gerade die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen kann die Wahrnehmung für die Ganzheit einer Situation schaffen.
Deshalb sind Schulen dieser Art (mit formaler Struktur oder ohne) wichtig, weil sie erst die notwendigen Grundlagen im Schüler legen, damit er fähig ist, zum Kern der Erkenntnis vorzustoßen. Die notwendige Aufmerksamkeit und Intuition kann nur durch Übung und Training entwickelt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das bereits erwähnte Kendo: "Wenn ein Schüler die Kunst des Kendo zu erlernen wünscht, werden seine Abwehrbewegungen am Beginn seiner Unterrichtung ... instinktiv sein. Nach einer langen Zeit wird er genauestens alle Angriffs- und Verteidigungstechniken lernen. Beim Kampf wird er jetzt versuchen, die Techniken, die er erlernt hat, anzuwenden: dabei wird sich sein Geist der Handlung bewusst sein: er wird den ursprünglichen Hauch der Unschuld und der Freiheit verloren haben. Erst in der dritten Phase, nach einer langen Ausbildungszeit, wird es ihm gelingen, endlich die Techniken zu vergessen, die sein 'Körper' überdies selbständig angenommen haben wird, und sein Geist wird wieder zur früheren Freiheit und Intuition zurückfinden, jedoch auf einem anderen Niveau." (Nitobé, Bushido)
Aufmerksamkeit ist eine Eigenschaft oder direkt zugängliche "Funktion" des individuellen Willens (oder des "wirklichen Ichs" oder wie im Buddhismus die "überpersönliche Kraft des Geistes") und wird normalerweise von vielen Dingen angezogen und verbraucht. Wie die Aufmerksamkeit konzentriert werden kann, ist eines der Geheimnisse der Lehre. Eine gute Übung ist die Beobachtung, die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens. Sie kann dem Schüler zeigen, wie er von vielen Dingen angezogen oder abgelenkt wird und entsprechend reagiert. Deshalb rufen bestimmte Lernsituationen sehr viele Spannungen hervor, weil der Schüler mit seinen Identifikationen konfrontiert wird, welche seine spontane Aufmerksamkeit blockieren. Diese Spannungen dienen auch dazu, Energien aufzubauen, die helfen, den notwendigen Abstand von den eigenen Verhaftungen zu gewinnen. Ziel ist die Befreiung von der Identifikation mit inneren und äußeren Dingen, selbst der gelernten Technik. Ein guter Kampfsportmeister braucht nur drei oder vier Armhaltungen um jeden Angriff abzuwehren.
Eine Methode zur Schulung der Aufmerksamkeit ist körperliche Arbeit oder Körpertraining. Dabei lernt der Aspirant, konzentriert an seiner Aufmerksamkeit zu arbeiten, entweder mit Hilfe von Selbstverteidigungstechniken, Tanz oder anderen Übungen, die schnelle Bewegungskoordination erfordern. Denn gerade Bewegung, die schneller ist als das Denken, kann den Übenden zum Zentrum seiner Bewegung führen, das bewegungslos ist.
Eine weitere Methode benutzt eine handwerkliche Tätigkeit oder Ausbildung. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, handwerkliche Fähigkeiten auszubilden, sondern in ungewohnten Situationen mehr über sich selbst zu erfahren. Da ein handwerklich unausgebilderter Schüler bzw. eine Schülerin zuerst lernen muss, mit dem neuen Material zurechtzukommen, verfällt er nicht sofort in Routinen, die ein geübter Handwerker besitzt. In dieser Situation wird der Wille, etwas Neues zu lernen, ebenso geschult wie die Ausdehnung der Aufmerksamkeit. Ein weiteres Element ist die gezielte Unterbrechung durch den Lehrer, um den Schüler immer wachsam zu halten. Gurdjieff benutzte dazu die „Stopp-Übung“. Wenn der Leiter einer Gruppe laut hörbar das Wort „Stopp“ ruft, müssen die Schüler alle Bewegungen und Tätigkeiten „einfrieren“ bis sie nach kurzer Zeit wieder zum weitermachen aufgefordert werden. Diese Übung sollte – auch wenn sie einfach zu sein scheint – nur von einem erfahrenen Lehrer durchgeführt werden, der alles im Blick hat, damit keine Unfälle passieren können.
Häufig werden Gruppensituationen geschaffen, in denen die Teilnehmer den Eindruck haben, der Lehrer sei chaotisch und könne nicht gut organisieren. Man erwartet eben, dass in einem Seminar alles so geschmiert abläuft, wie man es gewohnt ist. Wenn der Leiter diese Form absichtlich gestalten kann, dann gelingt es ihm schnell, die Teilnehmer zu verunsichern, die am Gewohnten festhalten wollen und eigentlich nichts Neues lernen möchten.
Erweiterte Aufmerksamkeit und spontanes Handeln ist von besonderer Bedeutung für die eigene Entwicklung. Es ist eine Wachheit, die nicht nur auf eine Sache konzentriert ist, sondern gleichzeitig mehrere Dinge auf einmal einbezieht, die um den Übenden herum passieren, ohne die Aufmerksamkeit auf den Job zu verlieren. Geübte Hausfrauen und Mütter mit Kindern sind natürliche "Meisterinnnen des Augenblicks", wenn auch meist "unbewusst". Wenn Sie lernen, diese natürlichen Fähigkeiten ihrer besonderen Lebensumstände auf andere Situationen zu übertragen, sind sie auch im Leben erfolgreich. Männern fällt es meistens schwerer, mehrere Dinge gleichzeitig zu beachten, was teilweise mit ihrer etwas anderen Gehirnstruktur zu tun hat.
Fortgeschrittene Trainingsmethoden verlangen gerade diese vielseitige Aufmerksamkeit. In sich selbst zentriert zu bleiben und dennoch mit einem Teil der Aufmerksamkeit der äußeren Umwelt gewahr zu sein, ist eine grundlegende Übungspraxis einer "Schule des Augenblicks". Denn für unser normales Denken und Empfinden sind spirituelle Impulse zu schnell. Wir können sie erst im Nachhinein wahrnehmen. Das beste Beispiel ist die Wirkung der Intuition und Kreativität. Wir haben einen Einfall, der wie aus dem Nichts kommt, also nicht von äußeren Faktoren bedingt ist oder jedenfalls keine unmittelbare Reaktion auf einen äußeren Anlass darstellt, und sind selten in der Lage, diesen Einfall im Augenblick seines Entstehens zu sehen, vielleicht noch nicht einmal hinterher. Er fließt einfach durch uns hindurch, ohne Spuren zu hinterlassen. Doch wenn der Einfall wichtig ist, sollten wir in der Lage sein, ihn zu bemerken! Manche spirituelle Richtungen, die heute verbreitet sind, sprechen davon, dass man einfach "im kosmischen Strom fließen" soll. Das mag zwar ein sehr angenehmes Gefühl sein, geht aber ganz am Kern der Sache vorbei. Denn die ungebundene Sensitivität sollte nicht einfach erlebt, sondern konzentriert werden, damit die Aufmerksamkeit, das Bewusstsein und die Kreativität, die intensivere "Energien" sind, überhaupt auf eine Basis bzw. "Gefäß" in uns treffen. Ohne diese Basis sind wir allen möglichen inneren und äußeren Impulsen ausgeliefert, die uns von unserer wirklichen Arbeit ablenken. Wir fühlen uns zwar frei, doch sind nicht frei; Freiheit ist eine Eigenschaft des Willens und der Aufmerksamkeit. (Die Welt des Willens, d.h. der geistigen Wirkkraft, darf natürlich nicht als rigide Struktur verstanden werden, sie ist gerade das Gegenteil, sonst wäre es auch keine Welt der Freiheit.)
Was ist der Augenblick?
Wie bereits am Beispiel der Aufmerksamkeitsschulung gesehen werden konnte, ist die "Meisterung des Augenblicks" keine willkürliche Angelegenheit, sondern basiert auf einer gewissen Disziplin des Schülers. Auch eine strukturierte Methode kann viele Augenblicke schaffen, die gemeistert sein wollen. Die Herausforderung ist permanent. Diese Einstimmung in die Situation, in das "größere Ganze" ist Teil des Trainings für den Augenblick. Jeder Moment ist der einzige, den wir haben, nicht die Vergangenheit oder die Zukunft. Doch die Einheit eines gegenwärtigen Augenblicks liegt nicht in der verschwindenden Sekunde eines Zeitablaufs, sondern im Heraustreten in eine andere Zeitdimension, den größeren gegenwärtigen Augenblick. Hier wird eine Sekunde zur Unendlichkeit.
Je mehr inneren "Raum" wir erschaffen, desto mehr Zeit haben wir. Das klingt Paradox, aber durch die Entfaltung eines inneren Seins, das außerhalb der Zeit ist, wird die Zeit gemeistert. William Blake drückt das sehr schön aus: "Die Ewigkeit ist verliebt in die Hervorbringung der Zeit." Der innere Raum wird frei durch die Befreiung von vielem Schrott, den wir in uns tragen und durch die bewusste Ausdehnung und Stärkung der inneren Kraft. Der Augenblick kann sich erweitern. (à Themen 2, Welten des Bewusstseins)
Die Meister des Augenblicks arbeiten mit dieser Tatsache, sie haben eine Vision und eine Verbindung mit dem größeren Raum und der größeren Zeit. Deshalb können sie im gegebenen Augenblick in einer Zeitsequenz der normalen Zeit richtige Dinge tun, die von anderen für völlig unsinnig gehalten werden, weil diese nicht sehen können, in welchem Zusammenhang die entsprechende Aktion steht.
Eine Schule des Augenblicks führt im Idealfall keine festgelegten Rituale durch, hat kein dogmatisches Lehrgebäude oder gibt bestimmte Vorschriften. Sie schafft vor allem intelligente Umstände, die nicht nur dem Schüler eine Möglichkeit zum Wachstum bringen, sondern auch in einer größeren Ordnung eine Rolle spielen. Sie können jedes Material benutzen, das zur Verfügung steht, und seien es Steine, die herumliegen. Eine Zen-Geschichte illustriert diesen Punkt: Zwei Zen-Mönche diskutierten über Subjektivität und Objektivität. Einer sagte: "Dieser Stein dort, ist er außerhalb oder innerhalb meines Geistes?" Der andere: "Nach den Regeln des Buddhismus ist er innerhalb." Der Meister kam dazu: "Dein Kopf muss ganz schwer sein, wenn du den Stein dort herumträgst."
Die Meister des Augenblicks sind sich natürlich bewusst, dass jede ihrer Aktionen irgendwann imitiert wird, dass jede Form und Struktur, die sie vorübergehend annehmen, erstarren kann. Deshalb haben diese Meister immer neue Formen und neue Situationen geschaffen, die der Augenblick geboten hat. Wir können uns also nicht darauf verlassen, dass ein "Sufi" immer ein "Sufi" sein wird oder diesen Namen trägt. Wahrscheinlich wird er sich selbst sowieso nicht so benennen. Eine Bezeichnung für die Manifestation einer Lehre gilt immer nur für eine bestimmte Zeit und wird fallen gelassen, wenn sie ihren Dienst getan hat. Diejenigen, die dann daran festhalten, halten an einer toten Form fest, die wenig lebendige Kraft hat. Das Beharren der Menschen an bestimmten äußeren Formen ist natürlich der Grund, warum manche Formen über Jahrhunderte überleben. Zum Teil ist das auch beabsichtigt, weil wenige in der Lage sind, die Herausforderung der Schule des Augenblicks anzunehmen. Im Zen gibt es den Ausspruch: "Triffst Du Buddha unterwegs, dann töte ihn", was besagt, dass es einen Buddha nach unserer Vorstellung nicht gibt.
Wenn heute über spirituelle Traditionen wie Sufismus oder Zen geschrieben und gesprochen wird, wird meistens die überlebte Form oder die Form der Anpassung an unseren Geschmack gemeint. Wirkliche "Meister des Augenblicks" spielen nicht mit im Zirkus der Eitelkeiten. Sie mögen uns bekannt sein, Vorträge halten und Bücher schreiben, doch ihre wirkliche Arbeit geschieht im Verborgenen. Selbstverständlich hat jeder eine bestimmte Rolle zu spielen, einen Dienst für die Menschheit zu erfüllen, und dieser wird wahrgenommen. Dennoch wird es der Sucher schwer haben, einen kreativen "Meister" zu finden. "Ein Schüler lernte seit einigen Monaten bei einem Sufi. Eines Tages sagte er: 'Meister, Du bist einer der größten Männer in der Welt und doch verhältnismäßig unbekannt. Ich fühle es als eine Pflicht, herumzureisen und den Leuten von Deiner Größe zu erzählen. Wie kann es nur sein, dass ein so unendlich perfekter Mensch unbekannt bleiben soll.' Der Meister sagte: 'Wenn ich sagen würde, ich sei ein unendlich perfekter Mensch, oder jemanden dies von mir verbreiten lassen würde, würdest du wissen, dass ich dies nicht bin. Das Gefühl, dass du deinen Lehrer als den größten Menschen auf Erden darstellen musst, ist ein Zeichen deiner eigenen Überheblichkeit."
Das Ziel unseres Strebens ist jenseits jeder Vorstellung. Auch die Meister des Augenblicks sind gewissen Bedingungen unterworfen, doch sie sind wahrscheinlich eher in der Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das kosmische Unendliche schafft immer neue Gelegenheiten zur Arbeit, und mischt sich nicht ein. "Wenn wir uns dem Werk verpflichten, das manchmal der Geist Gottes genannt wird, verpflichten wir uns für immer der Veränderung."(Reshad Feild)
Literatur:
Bennett, Elizabeth: Idiots in Paris, York Beach, Maine 1991
Bennett, John: Die Meister der Weisheit, Singhofen 1997
Chang, Garma C.C.: Mahamudra-Fibel, Wien 1979
Dervish, H.B.M.: Journeys with a Sufimaster, Octagon Press
Feild, Reshad: Schritte in die Freiheit, Reinbek 1988
Feild, Reshad: Wisse, dass Du geliebt wirst, Zürich 2003
Feuerstein, Georg: Heilige Narren, Frankfurt 1996
Gurdjieff, G. I.: Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen, München 1997
Millman, Dan: Der Pfad des friedvollen Kriegers, Interlaken 1990
Notobè, Inazo: Bushido, Interlaken 1983
Reps, Paul: Ohne Worte, ohne Schweigen - 101 Zen-Geschichten, München 1983
Shah, Idries: Die Sufis, Köln 1983
Suzuki, D. T.: Leben aus Zen, München 1987
Siehe auch die Literatur zu den entsprechenden Wegen