Gurdjieff Heute

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Gurdjieffs ”Heilige Tänze” und Movements


Im Laufe seiner Reisen im Nahen und Fernen Osten stellte Gurdjieff fest, dass die heiligen Tänze, die er dort erleben konnte, zu den wenigen verbleibenden Bedeutungsträgern gehören, die noch für die Erhaltung bedeutsamen Wissens und seine Überlieferung an nachfolgende Generationen verbleiben. Tänze können eine unbekannte Dimension ausdrücken, eine Wirklichkeit, die wir nur in einem erhöhten Bewusstseinszustand wahrnehmen können. Gurdjieff erkannte, dass der Tanz als Sprache dieser anderen Wirklichkeit durch das Erleben von Bewegung, Gestik und mathematischer Genauigkeit ihrer Abfolge und Zusammenspiel die Menschen mit dieser Wirklichkeit verbinden kann.

Die Tänze und ihre Musik erzählen auch eine Geschichte, einen Mythos, der nur lebt, wenn er weitererzählt wird. Wir treten ein in die Ebene der Wirklichkeit. Wir sind die Geschichte, die erzählt wird, wir sind das lebendige Wesen des Tanzes, der von uns Besitz nimmt. Und doch sind wir nicht “besessen”, sondern erleben eine unendliche Freiheit, die entsteht, wenn die Gruppe den Tanz lebendig, intensiv und so genau wie möglich erschafft. Wir spüren unsere eigene Freiheit in uns, denn wir erfahren, wie unser „wirkliches Ich“ die Möglichkeit erhält, sich in uns und durch uns auszudrücken.

Gurdjieffs Tänze sind jedoch nicht einfach Überlieferungen oder Imitationen alter orientalischer Tänze. Es gibt einige Hinweise darauf, dass Gurdjieff viele Tänze selbst neu entwickelt oder aus westlichen
zeitgenössischen Quellen Rhythmen und Bewegungsmuster übernommen hat, wie z.B. von Emile Jaques-Dalcroze (1865-1950), dem Erfinder und Lehrer der Rhythmik. Rhythmik bezeichnet die Übung von harmonischen körperlichen Bewegungen als eine Form der Musikpädagogik. Diese Bewegungsformen basieren auf einer rhythmischen Disziplin von Körperbewegungen zum Ausdruck von Form, Dynamik, Raum und Zeit. In seinem Übungssystem wird Zeit durch Bewegungen der Arme gezeigt und Zeitdauer, d.h. Notenwerte, durch die Bewegung der Füße und des Körpers. Eines der Gurdjieff-Movements heißt denn auch „Notenwerte“.

Weitere Parallelen zur zeitgenössischen Kunst und Bühnenaufführung finden wir in der Arbeit des Bauhauskünstlers Oscar Schlemmer, der 1916 das “Triadische Ballett” mit der Musik von Paul Hindemith choreographiert hat. Dieses Ballett basiert auf Bewegungsstudien des menschlichen Körpers und den klassischen Bauhauskomponenten von Kreis, Dreieck und Quadrat. Vielleicht war es Zeitgeist, dass wir in den Gurdjieff-Movements viele Gesten finden, die auf 90- oder 45-Grad-Winkeln basieren. Einen weiteren Hinweis über Hintergründe mancher Gurdjieff-Movements finden wir beim Pianisten Wim van Dullemen, der die Gurdjieff-Musik zu den Movements auf CD eingespielt hat. Er erwähnt Heinrich von Kleists Erzählung zu Anfang des 19. Jahrhunderts „Über das Marionettentheater”, in dem die „automatischen Bewegungen“ der Marionetten tatsächlich nur durch innere Freiheit möglich ist, wodurch die Schwerkraft aufgehoben wird.

Diese rhythmischen Bewegungsformen – die Gurdjieff durch Jaques-Dalcroze-Schülerinnen, die in seine Gruppe in Moskau 1915 kamen, kennenlernte – passten genau zu Gurdjieffs Intentionen. Seine Absicht war, orientalische Tänze in eine westliche Form zubringen. Die Idee, Zeitwerte durch Körperbewegungen auszudrücken, gab ihm neue Erkenntnisse, die er für seine Choreographien gut gebrauchen konnte. Denn in seinem Verständnis hat Zeit eine Qualität und ist nicht nur ein quantitativer linearer Ablauf. In einer einfachen Form wird uns das deutlich, wenn wir eines der Movements lernen. Zu Beginn des Lernprozesses haben beinahe alle Beteiligten das „Gefühl“, die Musik und ihr Rhythmus sei viel zu schnell und kann kaum gemeistert werden. Beherrschen die Übenden einmal das Bewegungsmuster, das hohe Aufmerksamkeit und körperliche Kontrolle und Koordination erfordert, aber auch die Fähigkeit, innerlich ganz ruhig zu werden, d. h. in ein „zeitloses“ innere Zentrum zu gelangen, erleben die Tänzerinnen und Tänzer eine „ausgedehntere“ Zeit. Vielleicht kommen sie sogar an den Punkt, an dem die lineare Zeit keine Rolle mehr spielt. Sie sind in eine andere Bewusstseinsdimension gelangt.

Die Verwendung traditioneller Formen, Bilder, Körperhaltungen, Rhythmen und Strukturen für die Entwicklung neuer Tänze beruht auf Gurdjieffs “persönlichem Genius des Meisters des Tanzes”. Bei der Entwicklung einer Choreographie hat jedes Detail seine Bedeutung, nichts darf dabei dem Zufall überlassen werden. Alle Bewegungen und Gesten sind sehr genau aufeinander abgestimmt. Das merkt man dann, wenn man versucht, etwas zu ändern oder zu vereinfachen, z. B. statt eines Kniefalls, dieselbe Geste im Stehen oder mit einem leichten Knicks zu machen. Jeder Beteiligte hat dann sofort das Gefühl „es stimmt einfach nicht“, selbst wenn er diese Choreographie noch nicht kannte.

Die „heiligen Tänze“ – heilig nicht nur im spirituellen Sinne sondern auch als Ausdruck der Ganzheit – dienten Gurdjieff wie seine Lehre und Bücher der Vermittlung philosophischen Wissens. Sie sind das zentrale Transportmittel oder die “Trägersubstanz” seiner Lehre, sein “Gesamtkunstwerk”. Die Idee des Gesamtkunstwerks wurde bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Richard Wagner geprägt, der damit eine ganze Kunstrichtung beeinflusste, von den Symbolisten um die Jahrhundertwende wie Kandinsky (für den Thomas de Hartmann, der Gurdjieffs Musik komponierte, eine Oper schrieb) über Mondrian bis hin zum Bauhaus. Während in den Aufführungen einer Oper immer noch eine Trennung von Publikum und Schauspielern besteht, werden bei den Aufführungen der Gurdjieff-Tänze die Zuschauer vollständig einbezogen, er wird Teil der Aufführung, da er die Choreographie innerlich „selbst tanzt“ und nicht nur als Zuschauer agiert. Denn die genauen Bewegungsabläufe und Gesten werden vom Gehirn unmittelbar nachvollzogen, wie man heute weiß: die mentale Vorstellung ist beim Training von Bewegungsabläufen genauso wichtig, wie die eigene Übung. Wenn die Tänzerinnen und Tänzer innerlich den Ablauf visualisieren, können sie auch schneller lernen. Ein Grund für die öffentliche Aufführung der Movements auf der Bühne, diente natürlich auch dem Zweck, die Zuschauer für die Gruppen anzuwerben (siehe dazu: Gerd-Jan Blom, Oriental Suite)

Die Movements sollen beim Bestreben helfen, „immer mehr über die Gesetze der Welterschaffung und Welterhaltung” herauszufinden. Viele seiner Tänze sind rituelle Darstellungen dieser Gesetze, so dass der Tänzer an einem sich entfaltenden kosmischen Drama teilnehmen kann. Gurdjieff erklärte dies seinem Schüler Ouspensky: “In den genau festgelegten Bewegungen und Kombinationen der Tänzer werden bestimmte Gesetze veranschaulicht, die von denen, die sie kennen, verstanden werden. Solche Tänze nennt man ‘heilige Tänze’.”

Der Übungszweck der Movements ist aber vor allem, mittels einer wirksamen Methode Geist, Seele und Körper zusammenzuführen und zu synchronisieren. Auch hier hat Gurdjieff bedeutende Vorläufer. Die Unterteilung des Menschen in Körper, Gefühl und Intellekt war in den Schriften der russischen Symbolisten nicht unüblich. Darauf aufbauend hat Francois Delsarte als Begründer des modernen Tanzes bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ein System entwickelt, das den ganzen menschlichen Ausdruck auf der “Gesetz der Drei” bezieht – neben dem Gesetz der Sieben das wichtigste kosmische Grundgesetz für Gurdjieff.

Gurdjieff bezeichnete die über 200 Tänze, die er innerhalb von 30 Jahren entwickelt hat, auch „Heilige Gymnastik”. So wie Jaques-Dalcroze seine Übungen zuerst “rhythmische Gymnastik” nannte und damit an die künstlerischen Ausdrucksformen im Griechenland des Altertums anschließen wollte, so dachte Gurdjieff auch an die ursprüngliche Gymnastik der alten Griechen, die uns am Gymnasium meistens verleidet wurde. Diese Gymnastik war eine Schule des Augenblicks. Ein Mensch, der den Augenblick zur klaren Tat blitzschnell erfasst, lebt in der Geistesgegenwart. Es ist wirksame Intelligenz in hellwachen Sinnen, unmittelbares Wahrnehmen der Situation, der intensivierte Augenblick, der zeitlich nicht beschränkt ist. So war die ursprüngliche griechische Gymnastik die Kultivierung der Geistesgegenwart – kein Leistungssport. Der Begriff der „heiligen Gymnastik” wurde während Gurdjieffs Arbeit in Frankreich dann in fr. “Mouvements” bzw. engl. “Movements” geändert.

Jeder dieser besonderen Tänze ist zuerst eine Methode, die immer wieder Geistesgegenwart verlangt und nie zur Routine wird. Wenn man an den Tänzen teilnimmt, werden alle unsere Fähigkeiten angesprochen: Körperliche Koordination, Verbindung der Motorik mit Übung aller Muskelpartien, der Körperempfindung, Aktivierung des Gefühlserlebens und das Lernen komplizierter Muster, die Reihenfolge von unterschiedlichen Bewegungen der Arme, des Kopfes und der Beine und Füße. Ebenfalls gefordert ist die Aufmerksamkeit für das Muster der Gruppe, die genaue Einhaltung der Reihen und choreografische Abstimmung der einzelnen Teilnehmer.

“Movements können nicht mit dem Denken gemacht werden”, sagt Bennett. “Sobald Sie anfangen, über das nachzudenken, was Sie tun, verlieren Sie zwangsläufig den Kontakt… Wenn man irgendetwas schnell lernen will, gibt es keine bessere Methode.”

Solange Claustres, die bereits als junge Frau bei Gurdjieff war und dessen Tänze unter seiner Regie lehrte, beschreibt, wie sie die Tänze erlebt: „Der Körper selbst versteht die Movements auf seine eigene Weise. Wir müssen eine neue Aufmerksamkeit entwickeln, die sich nicht durch all diese komplexen und asymmetrischen Muster verwirren lässt. Wir müssen unsere Gedanken auf bewusste Art benutzen, um die Chronologie des Tanzes zu visualisieren oder die Worte auszusprechen, die zum Tanz gehören. Wenn wir alles zusammen schaffen, werden wir von einer völlig neuen Vision berührt. Die Musik und die Gruppe als Ganzes werden vollkommen neu erlebt. In dieser Vision erkennen wir, dass wir nur ein Teil einer objektiven Architektur sind, die wir kaum ermessen können, aber die von unendlicher Schönheit ist. Wir werden Teil einer objektiven Form der Kunst, was praktisch bedeutet, dass wir dabei in einem Zustand sind, in dem wir die Gesetze des Bewusstseins erfahren können…“

Alle Tänze Gurdjieffs verlangen Ausdauer, Absicht, Aufmerksamkeit und Verstehen, Fähigkeiten die gleichzeitig durch die Tänze geschult und erweckt werden. Damit ich das Muster des Tanzes im Geiste behalte, brauche ich Aufmerksamkeit – und die Aufmerksamkeit kann die materielle Welt mit der Welt des Bewusstseins verbinden.

Inzwischen werden die Tänze wieder an verschiedenen Orten in Deutschland gelehrt. Das „Institut Gurdjieff in Paris sieht es nicht gerne, wenn die Tänze offen angeboten und gelehrt werden. Gurdjieffs Familie, seine Töchter und Enkelkinder, sind anderer Meinung und unterstützen Movements-Lehrgruppen, wenn sie im Geiste Gurdjieffs und mit guter Ausbildung der Lehrkräfte durchgeführt werden. Die Tänze können nur „lebendig“ bleiben, wenn sie getanzt werden. Doch noch wichtiger ist, dass sie eine Lehrmethode zur ganzheitlichen oder harmonischen Entwicklung des Menschen sind und entsprechend genutzt werden sollten.

 

Gurdjieffs Musik


Gurdjieffs Musik ist so vielfältig und die Reaktionen darauf ebenso. Manchmal kann sie alles gleichzeitig beim Zuhörer anrühren: Traurigkeit, Dankbarkeit und Freude.

Gurdjieff war ein pragmatischer Mensch gewesen. Im Laufe von 25 Jahren sammelte er auf seinen Reisen und Expeditionen in den mittleren Osten und Zentralasien eine große Zahl von Tänzen und Melodien, die er aus dem Gedächtnis rekonstruierte und auf einem der ursprünglichen Kulturherkunft so gegensätzlichem Instrument eines Pianos neu erschuf. Die meisten Kompositionen entstanden in der Zeit zwischen 1916 und 1927 als Ergebnis der kreativen Zusammenarbeit zwischen Gurdjieff und seinem Mitarbeiter und Schüler Thomas de Hartmann. Gurdjieff hinterließ der Nachwelt über 300 Musikstücke und rund 50 Musikstücke zu den Tänzen (weitere Musikstücke wurden von de Hartmann und anderen Komponisten zu den Choreographien geschrieben). De Hartmanns Respekt vor Gurdjieff hörte auch nach der Trennung nicht auf. In seiner Autobiographie schreibt er: „Die Musik von Gurdjieff war sehr vielseitig. Die berührendsten Stücke waren die, die Gurdjieff in entlegensten Tempeln gehört hatte. Wenn man diese Musik hört, wird man bis in die Tiefen der Seele berührt.“

Gurdjieff war kein Musiker und Komponist, aber er hörte und kannte die Musik innerlich. Nur durch de Hartmanns Kompetenz und Fähigkeit, auf Gurdjieffs Impulse einzugehen, war es möglich, dass diese Musik überhaupt entstand. De Hartmann betonte immer, dass die von ihm komponierte Musik Gurdjieffs Musik sei. Er habe sie nur umgesetzt.

In den vergangenen Jahren unternahm der berühmte Notenverlag Schott in Mainz die Herausgabe des gesamten Ouevres von Gurdjieffs und de Hartmanns Musik. Die Musik zu den Movements hat Wim van Dullemen auf 4 CDs eingespielt (ausführlich zur Musik siehe mein Buch: „Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff“).

Eine fachkundige Darstellung der Besonderheit von Gurdjieffs Musik hat Christoph Schlüren in einer Sendung von Bayern Klassik veröffentlicht. Das Sendemanuskript mit dem Titel „Gurdjieff, John Foulds und die Suche nach dem Ursprung der Musik (Wie der Osten in den Westen gebracht wurde…)“ ist auf der Website www.christinaneu.com zum Nachlesen zu finden.