Gurdjieff Heute

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Gurdjieffs Movements – äußere Erscheinung und innere Erfahrung


Der Begriff „Movements“, Bewegungen, ist eher ein lockerer Ausdruck, den die US-Amerikaner und Engländer, die bei Gurdjieff waren, einführten. Gurdjieff selbst nannte es „Gymnastik“ nach der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Wortes: die Kunst der Geistesgegenwart. Und darum geht es bei den Movements: immer bewusst gegenwärtig zu sein, bei sich und der Ausübung komplexer Bewegungsabläufe. Das Training ermöglicht, diese Erfahrung auch in das tägliche Leben zu übertragen, da die Übung der Movements kein Selbstzweck ist, auch wenn viele der Choreografien „Kunstwerke“ sind. Ich sehe die Movements vor allem als „Werkzeug der Selbstwahrnehmung“ und der Entfaltung vielfältiger innerer Fähigkeiten.
Gurdjieff selbst hat viel dazu beigetragen, die Herkunft seiner kreativen Choreografien in ein Geheimnis zu hüllen. In seinem Buch „Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen“ (wie auch im Film dargestellt) erzählt er von einem uralten Kloster verborgen im Hindukush, in dem es eine menschengroße Holzpuppe gab. Daran konnten die Tänzer verschiedene Körperhaltungen der Arme und Beine üben entsprechend der Drehmöglichkeiten der Gelenke der Figur.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es im islamischen Afghanistan solch ein Kloster gegeben hat, in dem Frauen und Männer zusammen lebten und Tänze übten. Gurdjieff gab mit dieser Geschichte vielmehr den Hinweis auf das Geheimnis der vielfältigen Möglichkeiten der Bewegungen der menschlichen Glieder. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie viele Variationsmöglichkeiten und Kombinationen von Kopf-, Arm- und Handpositionen, Beinposition und Fußrhythmen gemacht werden können, vermutlich einige Hundert – ich habe sie nie gezählt. Hinzu kommen die vielfältigen Körpermuskeln, die entweder entspannt oder angespannt werden, je nachdem was für die Ausführung notwendig ist, so dass der gesamte Körper trainiert wird, auch die Haltung des Skeletts. Nach einem Übungswochenende verschwinden so viele Rückenprobleme…
Präzise, häufig geometrisch genaue Körperhaltungen unterscheiden die Movements von anderen Tanzformen wie Ausdruckstanz oder Ballett, bei denen mehr auf freie, fließende Bewegungen geachtet wird, um vor allem Emotionen und Situationen auszudrücken – was nicht bedeutet, dass die Movements „besser“ sind, sie sind nur eine andere Kunstform, die mehr auf die „innere“ Entwicklung fokussiert ist.
Zuschauer bei Aufführungen der Gurdjieff-Movements, die keine eigene erfahrung damit haben, bekommen oft das Gefühl, die Tänzerinnen und Tänzer verhalten sich wie Marionetten-Puppen, die durch Fäden kontrolliert werden. Trotz dieser äußeren Erscheinung scheinbar mechanischer Bewegungsabläufe ist genau das Gegenteil der Fall. Die innere Arbeit, sei es an der Motorik, der Selbstwahrnehmung und der Absicht, eine Körperhaltung oder einen Bewegungsablauf genau wie vorgesehen durchzuführen, ist ein entscheidender Faktor. Die Erfahrung, die gemacht wird, um gegen die üblichen Körperhaltungen und Routinen zu arbeiten – und das mit bewusster Absicht – trägt dazu bei, bewusste Energien zu erzeugen, die genau das bewirken, worum es bei der Gurdjieff-Arbeit geht: Aufzuwachen in die Wirklichkeit des eigenen Seins, sich immer wieder neu der „Mechanisiertheit“ der gewohnten Lebensmuster bewusst zu werden.
Deshalb können viele der Movements genau genommen nicht als „Tänze“ bezeichnet werden, es geht bei den Bewegungsabläufen um die Erzeugung einer bewussten Energie, um die Erfahrung mit sich selbst.
Wesentlich ist dabei die Lernerfahrung und die Freude daran, sich dabei auf neue Weise zu erfahren und den eigenen Wesenskern mehr und mehr zu entfalten.

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