Gurdjieff Heute

Informationen zu Gurdjieff, J. G. Bennett und Seminaren von Bruno Martin

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Reshad Feild (1934-2016) – ein persönlicher Nachruf

Reshad Feild, der international bekannte Autor und spirituelle Lehrer starb am 31. Mai in Devonshire, England. Er war Vater von drei Söhnen.

Reshad FeildIch lernte Reshad 1973 kennen, als ich auf der „International Academy for Continous Learning“ bei John G. Bennett weilte. Ganz in der Nähe von Sherborne House hatte auch Reshad Feild sein Zentrum „Beshara“. Da er mit Bennett befreundet war, fuhren wir mehrfach in dieses Zentrum, wo ich viel über das Sufitum erfuhr. Reshad Feild wurde später ein geistiger Freund. Als ich eine zeitlang in einem Sufizentrum in der Nähe von Salzhausen lebte, von dem ich dann nach Südergellersen zog, das nur ein paar Kilometer entfernt davon liegt, lud ich ihn 1982 dorthin ein. Später half ich ihm ab 1984 Vorträge und Seminare in Deutschland zu organisieren. Das erste Seminar war in München mit 400 Teilnehmern, danach gab er Seminare und Vorträge in Hamburg, veranstaltet von der Buchhandlung Wrage. Die privaten Begegnungen mit ihm außerhalb der Seminare waren immer fröhlich, erleuchtend, sehr herzlich und liebevoll, und ich lernte mehr von ihm durch diese persönlichen Begegnungen als bei den Seminaren… Er betonte immer: „Du bist mein Freund“. Mir war es eine Freude, ihn dabei unterstützen zu können, dass seine Arbeit in Europa voran ging. In den 1990er Jahren besuchte ich ihn mit meiner Frau Nana auf dem Johanneshof in der Schweiz, wo er mit Hilfe von Schweizer Freunden ein Zentrum aufbauen konnte. Leider scheiterte es – wie bei vielen Projekten – nach wenigen Jahren an den Finanzen…
Einer seiner Schüler, Robert Cathomas, gründete später den Chalice-Verlag, der inzwischen alle Bücher von Reshad veröffentlicht hat – und zu meiner Freude auch auf den ausdrücklichen Wunsch von Reshad die meisten der Bücher von John G. Bennett, die ich zuerst in meinem eigenen Verlag herausgebracht hatte.
Reshad Feild gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen spirituellen Autoren und Lehrer und hatte einen nachhaltigen Einfluss auf unzählige westliche Sinnsucher. Im Laufe seiner über 40-jährigen Lehrtätigkeit gründete er Studienzentren in England, Kanada, den USA, Mexiko sowie in der Schweiz, die von Tausenden von Studenten aus aller Welt besucht wurden. Neben seinem autobiografischen Erstlingswerk Ich ging den Weg des Derwisch, das vor allem in den 1970er und 80er Jahren weltweit eine große Leserschaft fand, umfasst sein schriftstellerisches Schaffen über ein Dutzend weitere Bücher wie Schritte in die Freiheit, Leben um zu heilen (beide erschienen auf deutsch 1984 im Verlag Bruno Martin), Das atmende Leben oder Die Alchimie des Herzens.

Reshad Feilds spiritueller Werdegang
Nach intensiver Beschäftigung mit christlichen und buddhistischen Lehren sowie der Arbeit des Vierten Weges nach G.I. Gurdjieff und P.D. Ouspensky wandte sich Feild dem Sufismus zu. Auf Anregung seines Lehrers Bulent Rauf reiste er in den 1970er Jahren mehrfach in die Türkei, wo er im Rang eines Scheichs in den Sufi-Orden der Mevlevis initiiert wurde. Im Auftrag von dessen Oberhaupt in Konya brachte er die Zeremonie der „drehenden Derwische“ erstmals in den Westen und öffnete sie auch für Nichtmuslime und Frauen, 30 Jahre bevor die UNESCO sie 2005 in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufnahm.
Das Wirken von Reshad Feild trug maßgeblich zur Anerkennung und Verbreitung der Lehren und Werke des persischen Dichters und Mystikers Jalaluddin Rumi (1207–1273) sowie des andalusischen Sufis Muhyiddin Ibn Arabi (1165–1240) im Westen bei. Im späteren Verlauf seines Lebens wandte Reshad sich immer konsequenter von äußerlichen religiösen Formen ab und unterrichtete das, was er „die innere Essenz der Sufi-Lehren“ nannte, sowie die „Kunst und Wissenschaft des Atems“. Als entschiedener Gegner religiösen Sektierertums und konfessioneller Intoleranz lehrte er „die absolute Einheit aller Existenz“, unterstrich die gemeinsamen Wurzeln aller authentischer spiritueller Traditionen und ermutigte die persönliche Suche nach Selbsterkenntnis.
Text: Bruno Martin und Chalice Verlag; Foto: Reshad Feild in Südergellersen, Lüneburger Heide bei Bruno Martin, Juni 1985, © Bruno Martin

Der "freie Wille" - neue Erkenntnisse

„Unser Wille ist stärker, als das Gehirn zeigt“, haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden – eine These, die ich schon immer vertrete und in meinen Büchern thematisiert habe. Seit vielen Jahren streiten sich Hirnforscher, Psychologen und Philosophen darüber, ob die früheren Messungen von Benjamin Libet nicht dem „gesunden Menschenverstand“ widersprechen. Seine Versuche legten nahe, dass unser Gehirn schon eine halbe Sekunde vor einer willentlichen Entscheidung eine Handlung ausführt: Gut eine Sekunde, bevor Probanden sich bewusst entschlossen, ihre Hand zu bewegen, war in den Hirnstromkurven das „Bereitschaftspotential“ dafür schon zu finden.
Der Hirnforscher John-Dylan Haynes, der am Berliner Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité seit Jahren mit allen möglichen bildgebenden und elektrophysiologischen Verfahren in die Entscheidungszentren unseres Gehirns zu blicken versucht, hat schon viele „vorbereitende Hirnwellen“ identifiziert. Tatsächlich hinterlassen viele Handlungen mitunter zehn Sekunden vor der Entscheidung des bewussten Ichs eine elektrische Spur in bestimmten Hirnarealen. Der entscheidende Punkt aber ist: Nichts spricht bisher dafür, dass diese Hirnströme das Handeln steuern, dass unser freie Wille eine Illusion ist.
Das Fazit, das der Autor Joachim Müller-Jung in der FAZ vom 27.1.2016 zieht ist: Nicht durch weniger Wissenschaft, sondern mit mehr Forschung konnte man die Libet-Gespenster loswerden. Das ominöse Bereitschaftspotential kann nämlich überstimmt werden, die vermeintlich vorbestimmte Handlung noch willentlich und aktiv gestoppt werden.
Nun stellt sich wieder meine alte Frage: Was ist der Wille, wie kommt er dazu unsere Handlungen zu bestimmen?
John G. Bennett schreibt in seinem Werk Die inneren Welten des Menschen (S. 38): „Der Wille selbst handelt nicht, er entscheidet über die Handlungen, die stattfinden sollen… Es überrascht uns nicht, dass wir den Willen in den äußeren Prozessen der Welt nicht erkennen können, aber viele werden überrascht sein, wenn sie feststellen, dass der Wille auch in uns selbst nicht zu finden ist. Wir haben zwar Gedanken wie: „Das will ich tun!“, aber dies ist nur eine Funktion, etwas, das abläuft – und meistens wird ein solcher Gedanke nicht verwirklicht. Was immer wir beobachten können, hat eine Ursache, der Wille aber ist ohne Ursache, er ist selbst die Ursache.“
Üblicherweise ist der vermeintliche Wille nur das automatische Funktionieren der Mensch-Maschine. Deshalb sprach Gurdjieff davon, dass wir die „Fähigkeit zu tun“ erst trainieren müssen. Wenn wir eine bewusste und absichtsvolle Entscheidung treffen, übernimmt der Wille und nutzt unsere Funktionen, wie z. B. das Sprachorgan oder die Hände.
Doch wo kommt der Wille in unser Leben herein, wodurch wird er wirksam? Wie ist es möglich, den Willen an unseren Handlungen zu beteiligen, so dass wir tatsächlich willentlich handeln?
Die Schwierigkeit für eine konkrete Antwort liegt darin, dass Wille aus der „spirituellen Welt“ kommt, also keine materielle Funktion hat oder ist. Daher ist er auch nicht „zu begreifen“. Doch er zeigt sich, wenn wir uns mit Absicht bewegen, absichtsvoll sprechen oder eine getroffene Entscheidung tatsächlich auch ausführen. Wir können ihn auch erkennen, wenn wir einen Bewegungsimpuls nicht ausführen, wie es die wissenschaftlichen Versuche gezeigt haben. „Eine Aktion ist dann intelligent, wenn sie jederzeit gestoppt werden kann“, schrieb Anthony Blake.
„Um wirksam zu werden, braucht der Wille eine Energie, die ihm entspricht. … In jedem Willensakt liegt der Anfang von etwas Neuem, etwas Einzigartigem, und das Einzige, das den Anforderungen des Willens genügt, ist die kreative Energie.“ (Bennett, Innere Welten, S. 50)
Aber auch wenn wir gerade keine kreative Energie zur Verfügung haben, können wir mit dem Willen in Kontakt kommen, nämlich mit der Aufmerksamkeit, die eine Willensfunktion ist. Absichtliche Aufmerksamkeit bringt uns immer in Kontakt mit der Welt des Willens und trainiert unsere Fähigkeit bewusst zu handeln.

Selbsterinnerung

Für viele, die sich mit Gurdjieffs Lehre beschäftigen, scheint das Streben, den Zustand der Selbsterinnerung zu erreichen, wichtiger als alles andere in seiner umfangreichen Lehre zu sein. Es ist jedoch nur eines der neunundvierzig notwendigen Elemente für die ganzheitliche oder harmonische Entwicklung des Menschen, wie John G. Bennett einmal ausführte. Hinzu kommt noch, dass diejenigen, die es als zentrales Thema der Lehre ansehen, der Überzeugung sind, dass sie nur theoretisch wissen, was dieser Zustand bedeutet…
Ich habe in vielen der veröffentlichten Bücher nach wichtigen Aussagen dazu recherchiert und habe festgestellt, dass es nicht nur unterschiedliche Interpretationen dazu gibt, sondern auch, dass es ganz wenige Aussagen von Gurdjieff dazu gibt.
P. D. Ouspensky, einer der bekanntesten Schüler von Gurdjieff, hat viel dazu beigetragen, dass der Inhalt und das mit diesem Begriff verbundene Erleben ziemlich mysteriös und missverständlich blieben. Für Ouspensky war ein Hauptkennzeichen der Selbst-Erinnerung die Fähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit (Auf der Suche nach dem Wunderbaren, Erstausgabe S. 172).
Ouspensky schreibt: „Und plötzlich erinnerte ich mich, dass ich vergessen hatte, mich meiner selbst zu erinnern.“ Und: „Ich erkannte, dass ich mich wirklich nur an diejenigen Augenblicke in der Vergangenheit erinnere, wo ich mich meiner selbst erinnerte. Von den anderen weiß ich nur, dass sie stattfanden.“
Doch tatsächlich beinhaltet Wort „Er-innerung“ keine Gedächtnisleistung. Die deutsche Louise March-Göpfert, die aus Frankfurt stammt, übersetzte den Begriff in Beelzebubs Erzählungen mit „sich selbst innewerden“. Für mich heißt das in sich zentriert zu sein und mit bewusster Aufmerksamkeit die Innen- und Außenwelt gleichzeitig wahrzunehmen.
Nach meiner langen Erfahrung würde ich heute sagen, dass es ein wacher Bewusstseinszustand ist, in dem alle drei Zentren mit bewusster Energie arbeiten und synchronisiert sind und das „Ich“ mit voller Aufmerksamkeit im Zentrum meiner Wahrnehmung steht, das heißt „Ich nehme mit bewusster Wachheit mich selbst, die Innenwelt und die Außenwelt wahr“. Dieser veränderte Wach-Bewusstseinzustand geht einher mit einem intensivierten Erleben im Hier und Jetzt. Wenn dieser andere Bewusstseinszustand nicht deutlich erlebt wird, bleibt „Selbst-Erinnerung“ nur ein bloßer Gedanke.

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit

Wir können das Wirken der Intelligenz nicht ohne Aufmerksamkeit wahrnehmen. Um intelligent handeln zu können sind Achtsamkeit und Aufmerksamkeit die Schlüsselfaktoren. Darüber hinaus ist es kaum möglich, viele der alltäglichen Anforderungen ohne ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit zu erledigen. Ein Chirurg muss ausreichend wach und aufmerksam sein, um genau zu arbeiten und keine Fehler zu machen – aber er muss auch in der Lage sein, in vielen Situationen intelligente Entscheidungen zu treffen. Ein Autofahrer muss nicht nur auf die eigene Fahrweise achten, er muss auch die anderen Verkehrsteilnehmer beachten. Ein Musiker muss nicht nur ein feines Gehör haben, sondern braucht konzentrierte Aufmerksamkeit für die erforderliche Qualität seiner Darbietung und des Spielens seines Instruments. Eine Buchhalterin muss darauf achten, keine verkehrten Zahlen in die Tabellen einzugeben. Ein Pilot muss trotz Computerunterstützung hoch konzentriert sein. Bei vielen Aktivitäten führt mangelnde Aufmerksamkeit nicht nur zu Fehlern, sie kann auch zu Gefährdungen und Unfällen führen.

Zerstreuung und Unachtsamkeit kommen häufiger vor als man denkt, werden jedoch selten bewusst gemacht. Glücklicherweise sind die meisten Menschen für ihre besondere berufliche Anforderung gut trainiert, so dass sie konzentriert arbeiten können und ausreichend Aufmerksamkeit für die jeweilige Aufgabe haben. Im Alltag jedoch nimmt man die Aufmerksamkeit nicht so wichtig und daher lassen sich viele leicht zerstreuen und ablenken. Wir nehmen meist nicht wahr, wie unsere Aufmerksamkeit unwillkürlich von etwas angezogen oder abgelenkt wird, ohne dass wir dies bemerken oder beachten. Insgesamt lässt in allen Lebenslagen unsere Konzentration schnell nach. Selten sind wir in der Lage, uns auf eine Sache zu konzentrieren und gleichzeitig noch eine andere Sache im Auge zu behalten. Bei einem Orchesterkonzert hören wir meist entweder nur die Musik als Ganzes, aber können nicht noch die Einzelinstrumente und die anderen Zuhörer gleichzeitig wahrnehmen. Manchmal erwischen wir uns auch dabei, dass wir etwas Bestimmtes vorhatten und dann plötzlich wieder vergessen. Es kommt häufig vor, dass wir nicht mehr wissen, wo wir unsere Brille oder die Autoschlüssel hingelegt haben.
Auch wenn Achtsamkeit und Aufmerksamkeit meist gleichbedeutend gebraucht werden, möchte ich hier eine kleine, aber wichtige Unterscheidung einführen. Achten, beachten, auf Dinge achten, achtsam mit einer Sache umzugehen oder ein achtsames Verhalten zu Pflanzen, Tieren und Menschen zu haben, auf ihre Bedürfnisse zu achten und vieles mehr verwende ich für eine erweiterte Aufmerksamkeit insbesondere auf die äußere Welt. Aufmerksamkeit im Besonderen ist die Fähigkeit, etwas zu bemerken, sich zu konzentrieren und absichtsvoll mit wachem Bewusstsein zu handeln. Aufmerksamkeit bezeichnet außerdem die Fähigkeit, nach „innen“ zu schauen, zum Beispiel den eigenen Körper, die eigenen Gefühle und Gedanken wahrzunehmen – und sogar gleichzeitig sich selbst und die Umwelt wahrzunehmen. Aufmerksamkeit kann in jeder Situation entweder selektiv, konzentriert, erweitert, geteilt und anhaltend sein, manchmal sogar alles zugleich, während Achtsamkeit eine sensitive Wachheit, Einfühlungsvermögen und ein feines Gespür für eine Situation bezeichnet. Tatsächlich mangelt es uns an beidem. Wenn wir uns dieser Sachlage bewusst werden, können wir etwas dagegen – oder besser: dafür tun. Achtsamkeit und Aufmerksamkeit lassen sich trainieren, wenn wir es wollen.

Aber warum ist die Ausbildung dieser Fähigkeiten auch außerhalb spezieller sachlicher Notwendigkeiten so wichtig? Eine verfeinerte Achtsamkeit im Allgemeinen und eine stärkere und erweiterte Aufmerksamkeit im Besonderen führen zu einer höheren Lebensqualität. Mehr Achtsamkeit in allen Lebensbereichen kann das Leben erleichtern und verbessern. Sie erweitert unsere Fähigkeit Dinge wahrzunehmen, die sonst unbeachtet bleiben.
Die Kraft der Aufmerksamkeit ist darüber hinaus die Schnittstelle zu unserer inneren Welt, zum Feld des Bewusstseins und zum kreativen Feld. Mit der Entfaltung der aufmerksamen Wahrnehmung, gelingt es auch, die Energien zu erkennen, die in den verschiedenen Feldern wirken, mit denen wir in Verbindung stehen. Man kann sogar behaupten, dass das Leben an uns gewissermaßen unbemerkt vorbeiläuft, wenn wir nicht bemerken, was wir tun und wie wir handeln. Hinzu kommt: Wenn die Aufmerksamkeit zu sehr auf die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse gerichtet und weniger auf die Bedürfnisse der Mitmenschen und der Umwelt wird die äußere und innere Welt immer kleiner. Je weniger wir von der Welt wahrnehmen, umso weniger inneren Raum und innere Zeit haben wir. Je mehr wir unsere Aufmerksamkeit erweitern, umso größer und reicher wird unsere äußere und innere Welt und es eröffnen sich immer mehr Möglichkeiten der eigenen Verwirklichung.

  • Um intelligent handeln zu können sind Achtsamkeit und Aufmerksamkeit die Schlüsselfaktoren.
  • Achtsamkeit ist sensitive Wachheit, Einfühlungsvermögen und ein feines Gespür für eine Situation.
  • Achtsamkeit erweitert die Fähigkeit, Dinge wahrzunehmen, die sonst unbeachtet bleiben.
  • Aufmerksamkeit kann in jeder Situation entweder selektiv, konzentriert, erweitert, geteilt und anhaltend sein, manchmal sogar alles zugleich.

Die Kraft der Aufmerksamkeit ist darüber hinaus die Schnittstelle zur inneren Welt, zum Feld des Bewusstseins und zum kreativen Feld.
Achtsamkeit ist das Wunder, das auf einen Schlag unseren zerstreuten Geist zurückrufen kann, ihn wieder ein Ganzes werden lässt, so dass wir jede kostbare Minute unseres Lebens wirklich leben.
Thich Nhat Hanh

Die Erfindung der "Göttin" Evolution

„Es ist ein Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt.“ Johann Wolfgang von Goethe Betrachten wir mit den künstlerischen Augen des großen deutschen Naturforschers Goethe die Faszination der Natur. Übergeben wir unser Denken der Natur selbst und warten geduldig darauf, dass sie uns dabei hilft, die Phänomene aufzudecken und zu verstehen. Folgen wir Goethe mit seiner Erkenntnis: „In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, dass sie isoliert seien, es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheiten?“ Und wenn wir genau hinschauen, dann offenbart sich die Intelligenz in der Natur.

Lassen wir jedoch den Sirenengesängen der Neuronen im Kopf den Vorrang, dann entsteht so etwas wie ein intellektueller Hirnfurz, der in der Behauptung gipfelt, das Leben und seine Formen wäre rein zufällig entstanden. Mit wachem Verstand kann man wohl kaum darauf kommen, dass die ersten Zellen und die darin liegenden Gene vor einigen Milliarden Jahren in irgendeiner Weise zufällig durch Zusammentreffen einiger günstiger Umweltfaktoren entstanden sein sollen. Weltbekannt wurde der Versuch, den der Chemiker und Nobelpreisträger Harold Clayton Urey, der übrigens auch an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war, und der Biochemiker Stanley Miller (geb. 1930) im Jahre 1953 unternahmen. Sie stellten im Labor eine künstliche „Ursuppe“ her, welche die damaligen Verhältnisse auf der Erde simulierten. Es entstanden tatsächlich auch einige Moleküle: außer Essigsäure und Methansäure, ein Nebenprodukt von Essigsäure, bekam man auch in ganz geringen Mengen zwei Aminosäuren, Glycin und Alanin. Die DNS-RNS-Bausteine konnten unter diesen Bedingungen jedoch nicht nachgewiesen werden.

Bereits die innere Komplexität selbst in einfachen Bakterien ist schon so ausgefeilt, dass es unmöglich ist, dabei von einer Zufälligkeit zu reden. Die Selbstentstehung eines derart komplexen Organismus ist höchst unwahrscheinlich. Das zufällige Entstehen wäre so, als ob jemand einen großen Sack mit tausend Legosteinen ausschüttet, die sich dann von alleine zu einer Ritterburg zusammenfügen. Um eine Ritterburg oder ein Auto zu konzipieren und zu bauen muss zuvor eine Vorstellung vom Ganzen vorhanden sein.

Wollten wir kein Auto, sondern eine lebende Zelle „zusammenbauen“, die einen Mikrometer groß ist, müssten wir wissen, welche Bestandteile dafür gebraucht werden – selbst wenn wir diese vielen Bestandteile kennen würden, wüssten wir noch nicht, wie sie am Ende so unverstellbar kompliziert miteinander verwoben sein müssten. Wollten wir diesen kühnen Versuch starten, bräuchten wir für eine menschliche Körperzelle zu allererst eine hauchdünne, dreilagige Membran, die fest und flexibel, aber auch durchlässig ist. Außerdem bräuchten wir geschmeidiges Protoplasma in der Zelle, in der verschiedene Organellen herumschwimmen können und auch genügend Platz haben, damit die Ribosomen und Mitochondrien dort selbst 2000 wichtige Enzyme herzustellen, damit die Zelle sich reproduzieren kann. Dann benötigten wir einen noch winzigeren Zellkern mit eigener Membran, in dem wiederum eine 2 m lange Doppelhelix mit 3 Milliarden „Buchstaben“, der den genetischen Code enthält und auf einem Millionstel Millimeter verquirlt in diesem Zellkern liegt, der nur 1,2% der winzigen Zelle einnimmt.

Wenn wir nun einen Menschen daraus herstellen wollten, benötigten wir 50 Billionen solcher Zellen, die nicht nur „irgendwie“ in einem größeren Gebilde zusammenhalten, sondern auch in feinster Präzision aufeinander abgestimmt sein müssten. Diese Zellen müssten auch noch „alleine“ zu Knochenzellen, Organzellen, Muskelzellen, Blutzellen, Augenzellen, Gehirnzellen usw. differenzieren. Wer oder was in diesem Körper würde die riesigen Mengen an Informationen organisieren und bestimmen, an welcher Stelle sie sich niederlassen sollten? Die einzelnen Zellen müssten darüber hinaus auch noch die Information bekommen, dass der Kopf oben und die Füße unten sein sollten. Wenn wir dann auch noch 100 Milliarden Gehirnzellen hergestellt und sie am richtigen Ort zu einem riesigen Netzwerk zusammengefügt hätten, gäbe es noch ein weiteres Problem: nun müssten diese Zellen in der Lage sein, alle Sinneseindrücke von ganz komplexen Sinnesorganen wie Augen und Ohren verarbeiten und darüber hinaus auch noch die Arbeit sämtlicher innerer Organe wie Herz und Leber koordinieren. Nun bräuchte die „Mikrobiologin Evolution“ nur noch knapp drei Milliarden Jahre Zeit, um diesen Menschen herzustellen. Gelungen!

Da dieses Puzzle etwas schwierig zu bewältigen ist, hat „die Evolution“ vor 3,7 Milliarden Jahren erst einmal ganz „einfach“ angefangen, weil sie noch keine Ahnung davon hatte, wie ein Mensch komponiert sein könnte. Höchstwahrscheinlich hatte sie noch nicht einmal die Absicht dazu. Wie soll man da auf die Idee kommen, ein ausgeklügeltes Fahrzeug mit „Gummirädern“ zu entwickeln, wenn es weder Motor noch Räder gibt? Da aber schon Bakterienzellen die Erde zu bevölkern begannen, überlegte die „neue Göttin Evolution“ sich, was sie daraus machen könnte. Die ersten 1 Milliarde Jahre verstrichen langsam. Sie experimentierte mit vielen unterschiedlichen Bakterienarten ohne Zellkern, nur mit einem im Zellplasma herum schwimmenden kleinen genetischen Code. Da diese armen Wesen auch etwas zu essen brauchten, bekamen sie ein Menü aus Schwefel oder Methan, davon gab es ja reichlich. Weil so das Leben ziemlich eintönig war und vor allem nichts voranging, kam die „Göttin Evolution“ schließlich auf die Idee, einigen von ihnen das wunderbare Chlorophyll-Molekül einzubauen, damit diese blaugrünen Bakterien sich vom reichlich vorhandenen Licht ernähren konnten. Dadurch produzierten sie Zucker für andere Bakterien und atmeten zugleich jede Menge Sauerstoff in die bereits bestehende, aber etwas armselige Atmosphäre voller Stickstoff und Methan. Für viele ihrer 5000 verschiedenartigen Kollegen, die immerhin im Laufe der Zeit entstanden waren, war dieser Sauerstoff zu giftig und sie gingen ein. Andere schafften es, mit den neuen Bedingungen zurecht zu kommen und atmeten diese neue Luft auch ein. Wiederum andere verbrachten ihr Dasein in den tiefen der Ozeane und aßen weiterhin Schwefel oder Methan – und hielten dadurch das Meereswasser sauber.

Die „Göttin Evolution“ kam dann auf die glorreiche Idee, aus dieser neuen Situation mehr zu machen. Sie nahm aus unterschiedlichen Bakterien einige Gensequenzen, die sie neu zusammen setzte und multiplizierte, weil sie vorhersah, dass für eine komplexere Zelle mehr Informationen verarbeitet werden mussten. Nebenbei stellte sie gleich noch einige tausend Enzyme und andere Proteine her und auch ein bisschen Fett und fügte dies alles zu einer neuen Zelle mit Zellkern zusammen. Das Problem dabei war deren Vermehrung. Diese neuen Zellen konnten sich nicht mehr einfach nur teilen, sondern mussten sich zuerst sexuell vereinigen – also eine Zelle macht es mit der anderen, tauscht das Genmaterial jeweils zur Hälfte aus und bringt so immer leicht veränderte andere neue Zellen hervor. Das einzige Dumme dabei war, dass so der „Tod zu einer Art sexuell übertragener Krankheit“ wurde, wie es die Mikrobiologin Lynn Margulis formulierte.

Die „Göttin Evolution“ sammelte nun Erfahrungen mit diesen Zellen. Luft atmende Wesen hatten eine geeignete Umwelt und so probierte sie alle möglichen Varianten aus: Algen, Plankton, Amöben, Schleimpilze, die sich zeitweise aus Amöbenkolonien bilden, wunderschöne Schwämme und Strahlentierchen. Diese Wesen dümpelten zu Wasser und zu Land erst einmal weitere zwei Milliarden Jahre dahin, ohne dass etwas Aufregendes geschah. Dann entstanden vor vielleicht einer Milliarde Jahren neue, eigentümliche Wesen mit kleinen Skeletten, die Ediacara, die so heißen, weil man die ersten Versteinerungen davon in australischen Hügeln gleichen Namens gefunden hat. Diese Wesen scheinen weder Köpfe noch Schwänze gehabt zu haben, auch keine richtige Vorder- oder Hinterseite, es gibt keinen Hinweis auf Kreislauf-, Verdauungs- oder Nervensystem. Paläontologen können nicht herausfinden, ob es Pflanzen- oder Tierwesen waren, einzellig oder mehrzellig. Doch einige davon haben bereits Ähnlichkeiten mit heute existierenden Tieren wie den Weichtieren (Schnecken, Tintenfische), Seeanemonen und Würmern.

Wahrscheinlich war es der „Göttin Evolution“ mit diesen interessanten Versuchen nach Jahrmillionen wieder zu langweilig geworden. Plötzlich gab es dann vor 540 Millionen Jahren eine kreative Explosion. Die Göttin Evolution verstreute den Inhalt ihres mikrobiologischen Werkzeugkastens und schwupp – es dauerte kaum 10 Millionen Jahre und Geschöpfe mit Zähnen, Tentakeln, Klauen und Kiefern waren da. Wie in einem Ausbruch von Kreativität, der sich bis heute nicht in dieser Schnelligkeit wiederholte, hat „die Natur“ Baupläne für so ziemlich jedes Geschöpf des Tierreichs skizziert. Damit es diesen Kreaturen auch nicht zu langweilig wurde und sie inzwischen sogar eine Vielfalt von Augenarten hatten, haben sie sich auch noch alle möglichen Variationen von Gliedmaßen einfallen lassen und obendrein unzählige unterschiedlich farbige Kostüme, Häute und Pelze. Aber eigentlich haben nicht die Kreaturen das gemacht, sondern „die Evolution“ oder „die Natur“. Sie hat durch kreatives Spiel mit den Möglichkeiten und Gegebenheiten herumgespielt und zufällig sind auch noch die einen oder anderen Arten und Formen entstanden und haben sich so einfallsreich weiterentwickelt.
In den großen Fossilienlagern in aller Welt entdeckte man in den letzten 100 Jahren, dass diese biologischen Erneuerungen beinahe gleichzeitig entstanden sind. Ganz schnell – im Vergleich zum Bakterien- und Amöbendasein während der vorherigen 3 Milliarden Jahre – „entwickelte“ sich aus den ersten Anfängen der Tier- und Pflanzenwelt innerhalb von zweihundert Millionen Jahren eine riesige Vielfalt an Lebewesen. Wie hat es „die Evolution“ geschafft, alle diese Wesen nun in kurzer Zeit hervorzubringen?

Herr Darwin nimmt sich der Evolution an
Für die Evolutionstheorie, die sich auf Fossilien stützt, ist das plötzliche Auftreten von Tieren in relativ kurzer Zeit im Verhältnis zu allem anderen Leben davor, höchst merkwürdig. Im Laufe der Evolution der letzten 500 Millionen Jahre sind mindestens 20-30 Millionen Tierarten (alle Tiere einschließlich Insekten, Spinnentiere, Hohltiere wie Korallen usw.), Pflanzen und Pilze entstanden. Einige Tierarten, wie Säugetiere kamen später hinzu, haben sich jedoch aus den Bauplänen der ersten Tiere entwickelt. Ob „höhere“ Tierarten wie Säugetiere sich aus „niederen“ Arten wie Krebsen entwickelt haben, ist bis heute fraglich, weil es zu wenige Versteinerungen gibt und so mangelt es an Zwischenstufen. Eine große Schwachstelle für Darwins Theorie, doch darauf möchte ich nicht herumreiten, dafür kann er nichts.

Für den aufstrebenden Kapitalismus zusammen mit der immer erfolgreicheren technisch-materialistischen Naturwissenschaft war Darwins Evolutionstheorie, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entstand, mit seiner Hauptthese vom „Überleben des Tüchtigsten“ politisch höchst willkommen und sie setzte sich daher durch. Der „Zeitgeist“ verlangte nach einer neuen Theorie ohne religiösen Schöpfergott. Der Mensch hatte nun die Herrschaft auf der Erde übernommen. Dampfmaschine und Industrieproduktion brachten allerlei schöne mechanische Spielzeuge hervor. Es bot sich also an, nach Mechanismen in der Natur und ihrer Entstehung zu suchen. Darwins Konzept basiert demnach folgerichtig auch auf einem Ursache-Wirkungsmechanismus.
Dieser basiert auf drei grundlegenden Annahmen:
1. der Annahme einer natürlichen Selektion, die in einem lang andauernden, langsamen und schrittweisen Prozess zu Mutationen führt, also der mechanischen Entwicklung von einer Art zu einer anderen oder durch Kreuzungen von bestehenden Lebewesen. Darwin schaute dabei den Pflanzenzüchtern über die Schulter und nannte seine These denn auch „natürliche Zuchtwahl“, durch die unterschiedliche „Varietäten“ hervorgehen, so wie Nektarinen aus der Kreuzung von Pflaumen und Pfirsichen. Nur der Züchter wurde durch das abstrakte Konzept der „Evolution“ ersetzt – die „Göttin Evolution“ war geboren.
2. der Annahme, dass manche der entstandenen Variationen sich den Umständen des Lebens besser anpassen als andere, da alle immer unter „Selektionsdruck“ stehen, d.h. dem Überlebensdruck durch Feinde oder Umweltbedingungen. Daraus folgt, dass nur die beste und „tüchtigste“ Anpassung überlebt.
3. der Annahme, dass „die Evolution“ kein zielgerichtetes System für ihre Entfaltung hat, sondern einfach „Zufall und Notwendigkeit“ regieren. Lebewesen entwickeln sich und verschwinden wieder. Die Zufälligkeit wird damit begründet, dass sich bestimmte Formen stufenweise weiterentwickelt haben, zum Beispiel Augen, Skelette und Gehirne, weil der „Selektionsdruck“ manchmal so hoch gewesen sein sollte, dass eine Spezies zum Überleben einfach bessere Augen, Zähne, Flossen und andere Eigenschaften brauchte. So haben sich dann Nacktschnecken überlegt, dass sie ein Gehäuse benötigten, in das sie sich bei Gefahr zurückziehen konnten. Krebse haben sich harte Panzer zugelegt und Scherenfüße. Schlangen haben sich Infrarotsicht ausgesucht, um besser in der Nacht jagen zu können. Alle haben zum Überleben schnell mal einige Gene an- oder abgeschaltet. Von Genen wusste Herr Darwin allerdings noch nichts.
Die heutige Evolutionsbiologie dreht und windet sich, diese mechanistischen Hypothesen wissenschaftlich so zu begründen, dass sie keine irgendwie geartete kreative Intelligenz im Prozess der Evolution einführen muss. Sie spricht daher schön abstrakt davon, dass „die Evolution wunderbare Erscheinungen hervorgebracht hat, aber deshalb ja nicht intelligent ist“. Oder sie begründet das Entstehen verschiedener Säugetierarten wie zum Beispiel einer Ordnung der Nager, von denen es 2000 Arten in 430 Gattungen gibt, dass diese Vielfalt entstanden sei, weil sich verschiedene „Entwicklungslinien abgespaltet“ hätten. Wie und warum sie dies gemacht haben, wird nirgendwo erklärt.

Ein anderes „naturwissenschaftliches“ Argument wird gerne am Beispiel der Entwicklung des Auges demonstriert: Bei der Napfschnecke ist das Auge ein einfacher Fleck aus Pigmentzellen. Die Schlitzkreisschnecke hat bereits ein Becherauge, eine Nautilusart hat schon ein Lochkamera-Auge, die Meeresschnecke Mures hat eine Linse mit Hornhaut und der Kalmar Lologo schließlich ein Linsenauge, das dem menschlichen Auge ähnelt. Wunderbar. Verschiedene Weichtierarten haben unterschiedliche Augenarten entwickelt. Ein evolutionärer Fortschritt. Wozu braucht der Kalmar sein menschliches Auge? Zum Überleben natürlich, würden die Zoologen darwinistisch sagen. Doch alle anderen Tiere mit anderen Augen haben ebenfalls überlebt. Die Evolutionstheoretiker müssen sich auch die Frage gefallen lassen, wie diese unterschiedlichen Augen der unterschiedlichen Tiere „auseinander“ entwickelt haben sollen. Gab es einen genetischen Marktplatz im Ozean, an dem höchstbietend neue Augen eingekauft wurden? Nur weil alle Weichtiere sind, reicht ja wohl nicht zur Begründung aus! Die „natürliche Evolution“ hat das System Auge immer weiter verbessert. Ein wunderbares Argument – wer ist die „natürliche Evolution“ und warum hat sie es verbessert? Außerdem hat sie die jeweiligen Augen in allen Varietäten beibehalten, sonst wüssten wir nicht, dass es unterschiedliche Formen gab und gibt. Aus welchen Gründen hat die Anpassung an welche Umstände stattgefunden? Und warum haben dann nicht alle dieser wundersamen Weichtiere heute nicht die am besten entwickelten Augen?

Es gibt viele Tiere, die schlecht sehen können oder sogar blind sind. Auch diese haben überlebt. Selektion und Anpassung sind wohl nicht sehr beweiskräftige Argumente für eine schrittweise Entwicklung von einem aus dem anderen. Das Argument der schrittweisen Entstehung verschiedener Arten durch „evolutionäre Zuchtwahl“ ist natürlich erst dann nicht haltbar, wenn viele neue Arten plötzlich und gleichzeitig auftreten, auch wenn sie einige Bestandteile anderer Arten haben, wie eben Augen, Gehirne, Gliedmaßen, Organe. Arten, die alle diese Teile besitzen, waren im Kambrium vor 540 Millionen Jahren aber plötzlich da. Für den Sprung von den Ediacara zu richtigen Tieren gibt es keinerlei Erklärung, ebenso wenig für den Sprung von Eier legenden Reptilien zu Säugetieren. Vor allem ist das Eierlegen eigentlich praktischer, wenn es auch für manche Tiere etwas mühsam ist, sie ordentlich zu wärmen, wie zum Beispiel bei den Königspinguinen. Es überleben jedoch immer ausreichend viele Eier und die daraus hervorkommenden Jungtiere – und die können sogar kurz darauf im kalten Wasser schwimmen!

Es stellt sich auch noch eine weitere Frage: Warum bringt „die Evolution“ unzählige verschiedene Arten hervor – die übrigens alle ganz schön tüchtig überlebensfähig sind und ihre jeweilige Nische auf der Erde gefunden haben und viele sogar wunderbar kooperieren und sich gegenseitig beim Überleben helfen -, sondern auch in unendlich vielen Gestaltungen. Dazu ein paar Zahlen: Es gibt eine Million Insektenarten – die zahlreichste Gattung – davon 9.000 wohlorganisierte Ameisenarten, 20.000 Bienenarten, 30.000 Spinnenarten. Dann gibt es 45.000 Schneckenarten in allen möglichen Farben, 9.800 Vogelarten mit ungeheuer vielfältigen Flügeln und Farben, 40.000 Krebstierarten in schillernden Formen und Farben, 4.560 Säugetierarten von winzigen Nagern, Fledermäusen bis hin zum Menschen, 100.000 Pilzarten, 260.000 Pflanzenarten, um nur einige zu nennen. Kann man angesichts dieser Zahlen von „natürlicher Selektion“ sprechen?

Ich habe kein Problem mit dem Argument, dass sich kreative Veränderungen bei Tieren und Pflanzen durch verschiedene Einflüsse wie Umwelt, Klima und andere Faktoren herausbilden. Alles Lebewesen haben sich den unterschiedlichsten Bedingungen angepasst und unterschiedliche Formen und Abweichungen entwickelt. Doch kein Wissenschaftler konnte bisher nachweisen, dass aus einer Art, z.B. einem Wurm eine Schlange oder aus einem Salamander ein Frosch oder irgendeine andere Art direkt aus einer vorherigen hervorging. Die Verwandtschaft der Tiere mit verschiedenen Formen ist eine Sache, die Evolution einer Tierart aus einer anderen eine bisher unbewiesene Sache, doch genau das ist eine der Grundtheorien des Darwinismus. Ein anderes eindeutiges Merkmal des Fossiliennachweises ist die bemerkenswerte Stabilität der neuen Arten, wenn sie sich einmal etabliert haben. Einmal vorhanden, machen die meisten Arten nur eine geringe Evolution durch. So haben sich Käfer in zwei Millionen Jahren in keiner Weise signifikant verändert. Auch der Lungenfisch hat sich in 300 Millionen Jahren nicht wesentlich verändert. Die Liste ließe sich endlos fortführen.

Ein bedeutender Aspekt in jedem Entwicklungsprozess ist die Kreativität. Sehr häufig gibt es „neuartige“ Wesen, die etwas von den anderen haben, aber auf völlig neue Weise zusammengesetzt sind. „Die Natur hat eine Freude daran, immer neue Formen zu entwickeln“, bemerkte Leonardo da Vinci dazu.

Den genialsten Entwurf hat die „Göttin Evolution“ mit dem Salamander geschafft. Er kann sich beinahe komplett selbst regenerieren. Die Regeneration ist einer der Heilungsprozesse, die die chemisch-mechanistische Medizin bis heute nicht erklären kann. Wenn wir uns in die Finger schneiden, heilt die Schnittwunde wieder zu, aber es bleibt eine Narbe zurück. Eine richtige Regeneration, sagt der Mediziner Dr. Robert O. Becker, der Salamander eingehend studiert hat, „ist die Fähigkeit, nicht nur zu heilen, sondern fehlende Körperteile vollständig zu ersetzen. Viele ‚niedere’ Tiere haben diese Fähigkeit. Jeder weiß zum Beispiel, dass ein halber Regenwurm wieder zu einem ganzen wird, wenn er genügend Zeit dafür hat. … Auf der Skala der Evolution gehört der Salamander zu den Amphibien und steht direkt unter dem Frosch. Von unserer höheren Warte aus mögen die Amphibien ziemlich tief unten auf der Leiter stehen, tatsächlich sitzen wir jedoch mit ihnen in einem Boot, denn wir sind Wirbeltiere wie sie. Der Salamander darf sich rühmen, das Urwirbeltier zu sein, von dem alle anderen ‚höheren’ Tiere einschließlich des Menschen abstammen. Die Anatomie des Salamanders entspricht genau unseren (oder umgekehrt).“ Insgesamt ist der ganze Körper dieses netten Tierchens ziemlich genauso wie der menschliche Körper aufgebaut: mit Skelett, Knochen, Muskeln, Blutgefäßen, Nerven und Gehirn, und alle sind so angeordnet wie bei uns. „Der Salamander, der uns in seinem körperlichen Bauplan so gleicht, hat die Fähigkeit, viele Körperteile in allen Einzelheiten nachwachsen zu lassen: Vorderbein, Hinterbein, Auge, Ohr, bis zu einem Drittel des Gehirns, fast den gesamten Verdauungstrakt und nicht weniger als die Hälfte des Herzens. Die Systeme, die sein Wachstum steuern, sind so wirkungsvoll, dass sie sogar verhindern, dass der Salamander Krebs bekommt. Theoretisch könnte er also unsterblich sein – wenn er nicht gefressen wird.“ Das Vorhandensein der Regeneration steht in direktem Widerspruch zur mechanistischen Wissenschaft. Das Ganze ist eben nicht die Summe seiner Teile, sondern die Teile werden vom Ganzen hervorgebracht. Bei der Regeneration unterläuft dem Salamander kein einziger Fehler.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die Möglichkeit der beinahe kompletten Wiederherstellung eines Körpers im genetischen Code von Lebewesen „eingebaut“ ist, diese Eigenschaft jedoch nicht bei vielen Lebewesen verwendet wird. Die „intelligente Evolution“ mag Gründe dafür gehabt haben, die Unvollkommenheit eher zu favorisieren als die Vollkommenheit! Es scheint, dass Intelligenz eher mit Mängeln und Unvollkommenheiten arbeitet, weil eine Entwicklung immer kreative Lücken benötigt, in die sie vorstoßen kann. Unsere ganze Wirtschaft lebt von der Verwaltung von Mängeln. Mit der körperlichen Regenerationsfähigkeit wie beim Salamander bräuchten wir weder Ärzte noch Krankenkassen. Ob die Gentechniker einmal diese Gene entschlüsseln und im Menschen wieder aktivieren werden? Vielleicht lieber nicht! Ich bezweifle sehr, dass der Mensch damit vernünftig umgehen kann. Intelligenz ist nie fehlerfrei. Das lässt vermuten, dass die Unwägbarkeiten und Unvollkommenheiten des Lebens einen tieferen Sinn haben. Möglicherweise dienen sie beim Menschen dazu, dass er sein Bewusstsein daran schärft und erweitert.

Das bringt mich zum Thema „Bewusstsein“, das meiner Ansicht nach für eine vernünftige Evolutionstheorie ein wesentlicher Kern darstellen könnte. Im Deutschen meint dieser Begriff „wissendes Sein“. Um all die komplexen Erscheinungen und Prozesse der Evolution zu verstehen, müssen wir davon ausgehen, dass sie in einem „Bewusstseinsfeld“ geschehen, den schwingenden Energiefeldern der Quantenphysik, in dem die kreative Intelligenz wirken kann. Die „Lücken“ im System der Entfaltung des Lebens sind notwendig, damit immer wieder etwas Neues entstehen kann. Lücken bedeuten auch ein Nicht-Wissen, aus dem neues Wissen entstehen kann. Der kreative Prozess der Evolution ist immer wieder ein Verlust oder Vergessen von Wissen, damit neues Wissen entstehen kann. Unser menschliches Gehirn arbeitet genauso – wir sind Kinder der kreativen Intelligenz.

Die meisten Menschen denken heute ganz selbstverständlich, dass die großen wissenschaftlichen Fragen längst gelöst sind und nur noch ein paar wenige Details geklärt werden müssten. Aus diesem Grund kommen wir nicht auf den Gedanken, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur vorläufig sind und im Laufe der Zeit durch neue Hypothesen und Theorien ersetzt werden. Vergleiche ich viele Argumente der Neodarwinisten mit den „Fakten“ der Evolution, kommen ich eher zu der Überzeugung, dass weder Zufall noch natürliche Selektion, Mutation und Anpassung die tragenden Kräfte des Evolutionsprozesses sind, sondern andauernde kreative Neuschöpfung.

Und wenn ich dann darüber nachdenke, wie alle natürlichen Strukturen miteinander vernetzt sind und in gegenseitiger Abhängigkeit und Wechselwirkung stehen, kann ich mir nicht vorstellen, dass dies alles ohne ein inneres organisierendes Bewusstsein möglich ist. Bei der Evolution werden offenbar einmal erfolgreich getestete Strukturen von einer Ebene der Entwicklung auf eine nächste Ebene mitgenommen, neu „durchgerechnet“ und neuen Bedingungen angepasst. Auch ohne Computer schafft es die Intelligenz in der Natur ausgehend von einer genialen Grundidee immer neue Formen hervorzubringen. Sie arbeitet gelegentlich neue Anfangsbedingungen aus und schaut dann, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Wenn etwas aus dem Ruder gerät oder etwas Neues aus der Entwicklung entstehen soll – auch ein intelligenter Rückkoppelungsprozess -, setzt sie neue Impulse. Ich denke, die Wissenschaft sollte die Evolution nicht mechanistisch sondern als einen Vorgang verstehen, an dem eine intelligente Instanz beteiligt ist. Dazu bedarf es keinen Eingriff von außen durch einen Schöpfergott.

Wenn Quantenphysiker heute sagen, dass „Information der Baustein der Materie und somit der Wirklichkeit“ ist, dann können wir diese Erkenntnis gut auf die Evolution übertragen. Aus ganzheitlicher Sicht sind ja die einfachen chemischen Elemente wie Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff, die Grundlagen jeder organischen Verbindung, auch der Zelle und des darin liegenden Genoms. Seine Informationsverarbeitung bringt lebendige Strukturen aller Art hervor. Die materialistische Wissenschaft sollte anerkennen, dass Informationsverarbeitung, die zu vielfältigen Lebensformen führt, ein intelligenter und kreativer Prozess ist. Unsere Computer funktionieren auch nicht, wenn die Software nicht intelligent durchdacht ist, auch wenn diese letztlich nur Rechenoperationen durchführt. Die Intelligenz der Evolution hat da wohl eine höhere Leistung vollbracht – sie hat Leben geschaffen, das sich im Gegensatz zu Maschinen selbst reproduzieren kann, sich selbst erfahren kann, das Gefühle hat und sogar in der Form des Menschen über sich selbst nachdenken kann. Die Intelligenz der Evolution hat sogar Gehirne geschaffen, die meinen dürfen, „die Evolution“ bringt „Wunderwerke der Natur“ hervor, doch deshalb sei sie ja wohl nicht intelligent. Tolerant ist sie offenbar auch noch. So überlasse ich Herrn Goethe das Schlusswort: „Ich gebe gern zu, dass es nicht die Natur ist, die wir erkennen, sondern dass sie nur nach gewissen Formen und Fähigkeiten unseres Geistes von uns aufgenommen wird.“
Bruno Martin © 2006

Bruno Martin, Autor mehrerer Bücher u. a. „Das Lexikon der Spiritualität“. Er veröffentlicht im Sommer 2007 beim Ullstein-Verlag sein nächstes Buch, in dem das Thema dieses Artikels lebendig und anregend ausgeführt wird. Der genaue Buchtitel steht noch nicht fest.

Schulen des Augenblicks

„Nach der Selbst-Verwirklichung sind alle Verhaltensweisen oder Handlungen, die durch den Körper eines Weisen zum Ausdruck kommen, spontan und frei von allen Bedingtheiten. Sie lassen sich nicht durch irgendeine Disziplin binden.“
Sri Nisargadatta Maharaj

„Der Tausendfüßler ging seelenruhig und spontan seines Weges; als er gefragt wurde, wie er es schaffte, all die Bewegungen seiner tausend Füße zu koordinieren, dachte er darüber nach und war darauf nicht mehr imstande zu laufen.“ Diese Parabel zeigt den Kern der Ausbildung in einer „Schule des Augenblicks“. Für den japanischen Schwertkampf Kendo, das eine Schule des „Zen der plötzlichen Erleuchtung“ ist, muss der Schüler lernen, jederzeit im Hier und Jetzt zu sein. „Wenn der Geist bei irgendeinem Objekt verweilt, sei es das Schwert des Gegners oder der Gegner selbst, das eigene Schwert, der eigene Körper, die Handlung, die man zur Verteidigung oder zum Angriff ausführen will, ist man auf jeden Fall überwunden und besiegt. Der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt muss überwunden werden. Der Angriff und die Verteidigung müssen ein einziges Ding werden“ (Nitobé in: Bushido). Das Ziel der Ausbildung ist „der untrübbare Geist“. Dies ist ein „Geist“ der sich „von jeder Reglementierung befreit hat, jede Einengung durch menschliche Bedingtheiten zurückweisen und aus eigener Kraft und nach eigenem Gutdünken fließen“ muss.

Einer der „Meister des Augenblicks“, der „interspirituelle“ Lehrer G.I. Gurdjieff, entwickelte für dieses Training unter anderem Gruppentänze und Bewegungsübungen, bei denen nicht nur die verschiedenen Körperteile zu einer Musik koordiniert bewegt werden müssen, sondern manchmal auch gegen den Rhythmus der Musik. Gleichzeitig muss der Schüler sich auf die Bewegungen der anderen Tänzer einstellen und mit ihnen koordinieren. Ballett-Tänzer lernen dies auch. Bei Gurdjieff kommen außerdem komplizierte Wort- oder Zahlenfolgen dazu, die im Kopf gedacht oder laut ausgesprochen werden; desweiteren muss der Schüler bestimmte Stellen seines Körpers in einer bestimmten Reihenfolge spüren und Gefühle aktivieren. Diese komplizierte Verbindung bringt den Schüler entweder dazu, an der Übung zu verzweifeln oder er schafft es wie der Tausendfüßler, in sein Zentrum zu kommen, so dass die Übung wie von alleine fließt und der Geist des Übenden sich der Situation voll bewusst ist.

„Schulen des Augenblicks“ gibt es innerhalb vieler spiritueller Traditionen. Ich sage bewusst „innerhalb“, weil nicht alle bekannte Traditionen, die aufgrund der Literatur als „Schule des Augenblicks“ gelten, grundsätzlich auch solche sind. Es gibt starre zenbuddhistische Schulen genauso wie starre Sufi-Schulen. In gewisser Weise sind die „spontanen“ Lehrformen wie Sahnehäubchen auf einem Capuccino. Eine besondere Linie dieser Schulen verschiedenster Traditionen lassen sich unter dem Oberbegriff der heiligen Verrücktheit oder verrückten Weisheit zusammenfassen. „Um spirituelle Wahrheiten zu vermitteln, greifen jene Meister häufig zu sehr unkonventionellen Mitteln, die man von religiösen Menschen nicht erwarten würde. So benutzen sie beispielsweise Alkohol sowie Drogen aller Art und Sexualität für die religiöse [„spirituelle“, würde ich sagen] Unterweisung. Ob sie in der Gosse oder im größten Luxus leben, ist ihnen gleichgültg, und ihr nach konventionellen Maßstäben oft unerhörtes Verhalten entspricht meist ganz und gar nicht unseren liebgewonnenen Vorstellungen von Religion, Moral und Heiligkeit.“ (Georg Feuerstein)

In einer „Schule des Augenblicks“ geht es immer um die direkte Wahrnehmung der Wirklichkeit des Seins ohne Schnörkel und umständliche Ritualisierungen. Doch man sollte sich nicht vom Anschein täuschen lassen. Wenn z.B. Schamanen (à Schamanismus) farbenfrohe Kleidung anziehen und mit viel Brimborium Rituale durchführen, heißt das nicht, dass sie formal arbeiten. Das ist nur der äußere Schein. Nachgefragt sagen sie, dass sie das für ihr Publikum machen, die das Bedürfnis nach „magischen“ Darbietungen hat. Auf diese Weise wird der Heilerfolg verstärkt. Doch ihre eigentliche Arbeit muss immer äußerst spontan sein, weil sie mit einer Welt in Berührung kommen, die nicht unseren Zeitmaßstäben unterliegt. Die „Geister“ mit denen sie es in einer „anderen Wirklichkeit“ zu tun bekommen, sind unberechenbar.

„Schule des Augenblicks“ bedeutet zu lernen, die lebendige Wirklichkeit durch einen Moment der Geistesgegenwart zu erwischen. Die Grundlage des Trainings basiert auf der Fähigkeit und Schulung, in jedem Augenblick achtsam zu sein und die Aufmerksamkeit bis an ihre Grenzen auszudehnen. Eine Zen-Geschichte illustriert dieses Thema eingängig:
„Zen-Schüler bleiben mindestens zehn Jahre lang bei ihrem Meister, bevor sie es wagen können, andere zu belehren. Nan-in erhielt Besuch von Tenno, der, nachdem er seine Lehrzeit hinter sich gebracht hatte, ein Lehrer geworden war. Der Tag versprach regnerisch zu werden, darum trug Tenno Holzschuhe und hatte einen Regenschirm bei sich. Nachdem Nan-in ihn begrüßt hatte, bemerkte er: ‚Ich nehme an, du hast deine Holzschuhe im Vorraum gelassen. Ich möchte gerne wissen, ob dein Regenschirm rechts oder links von den Holzschuhen steht.‘ Tenno wusste in seiner Verwirrung keine sofortige Antwort zu geben. Er erkannte, dass er nicht in der Lage war, seine Aufmerksamkeit in jeder Minute bei sich zu haben und studierte weitere sechs Jahre bei Nan-in.“

Selbstverständlich muss das durch vielfältige Übungen, die darauf hinzielen, die Aufmerksamkeit zu schulen, gelernt werden. Dabei wird selten mit vorgegebenen Formen gearbeitet. „Ein bestimmter Sufi wurde gefragt: „Warum tolerieren Sie unbesonnene Fragen?“ Er lächelte und sagte: „Um für uns alle, die Vorurteile zu haben, derartige Fragen kennenzulernen, wie sie gerade eine gestellt haben.“ Eine häufig beschriebene Lehrmethode ist eine Reise mit dem Meister. Gurdjieff nutzte die Methode der unmittelbaren Erkenntnis auch, wenn er mit einigen Schülern Ausflüge mit dem Auto unternahm. „Wir brachen mit drei Autos auf, und andere fuhren mit dem Zug, um sich uns in Vichy anzuschließen. Eines von Gurdjieffs Überraschungsmanövern bestand darin, vor der verabredeten Zeit loszufahren. Wer das nicht wusste, der mochte zwar pünktlich zur Stelle sein, musste dann aber feststellen, dass die anderen schon vor einer halben Stunde aufgebrochen waren.“ In jeder Situation ist der Schüler so vor immer neue, unerwartete Herausforderungen gestellt. Das schult die Wachheit und innere Flexibilität.

Der Alltag ist ein breites Übungsfeld; alle großen Meister – mit wenigen Ausnahmen – benutzen die alltäglichen Umstände für die beispielhafte Ausbildung der Schüler. Der „Meister“ oder die „Meisterin“ mag dem Schüler bestimmte Aufträge oder Aufgaben geben, die er besonders „richtig“ erfüllen muss, oder er lernt durch das Handeln des Lehrers, der ihn immer wieder durch Unberechenbarkeit fordert. Auch wenn bestimmte Handlungen oft widersprüchlich oder paradox erscheinen, bei einem „Meister des Augenblicks“ geschieht selten etwas ohne Grund. Es wäre aber unvernünftig, ihn deswegen für „unfehlbar“ zu halten….

Ein schönes Beispiel für eine unerwartete Handlungsweise gibt folgende Geschichte: „Ein Sufi gab eine Reihe von Vorträgen, die begeistert aufgenommen wurden. Während des Vortrags pausierte er von Zeit zu Zeit und blickte in einen dicken Stapel von Blättern, die vor ihm lagen. Ein Zuhörer ging nach dem Vortrag zum Pult und bat den Sufi, ob er diesen Vortrag in seinem Universitätsmagazin veröffentlichen dürfe. Beiläufig blickte er in die Papiere und stellte fest, dass diese vollkommen leer waren. ‚Sie scheinen einen Notizblock zu haben, der gar keine Notizen enthält‘, sagte er. ‚Ach ja‘, antwortete der, ‚das hat seinen Grund. Ich konnte früher häufig bemerken, dass viele Leute das kritisieren, was ich vortrage, weil sie meinen, es sei nicht sorgfältig genug ausgearbeitet, wenn es frei gesprochen wird. Oder sie interessieren sich mehr für die Tatsache, dass man ohne Notizen sprechen kann und hören auf, dem Vortrag zuzuhören.“

Von einigen Zen-Meistern (à Zen) werden ähnliche Anekdoten überliefert. Ein Zen-Meister, in dessen Raum es durch das undichte Dach regnete, rief seinen Aufwärtern zu, sie sollten ihm etwas bringen, womit man die Tatami (Strohmatten) trocken halten könne. Einer von ihnen brachte ohne einen Augenblick des Zögerns einen Bambuskorb, während der andere überall nach einem festen Zuber suchte… Der Meister, so wurde überliefert, war hocherfreut über den Mönch, der den Korb brachte. Er hatte den Zen-Geist erfaßt… Dies nennt man im Zen ‚Nicht-Unterscheidung‘ (nach D.T. Suzuki). Es geht in diesem Beispiel eben nicht um den „richtigen“ Eimer, sondern vielmehr um die spontane „Richtigkeit“.

Als „Meister des Augenblicks“ geht es den Zen-Meistern bei der Schulung nicht so sehr darum, den Schüler tagelang meditieren oder Koans (paradoxe Lehrsätze) lösen zu lassen, sondern die Aufmerksamkeit des Schüler für jeden Augenblick so wach zu halten, dass er eine Entscheidung treffen kann, die gerade richtig ist, oder eine spontane Erkenntnis gewinnt – auch wenn sie in einem anderen Moment falsch sein kann. Koans sind auch Übungen darin, bei alltäglichen Verrichtungen einen Teil der inneren Aufmerksamkeit wachzuhalten. Spontane Erkenntnisse können bei jeder Gelegenheit auftreten, der Adept muss nur fähig sein, diese „Erleuchtung“ oder die Intuition im gegebenen Moment wahrzunehmen. Es gibt viele überlieferte Koans, doch ein wirklicher Meister wird seine eigenen „erfinden“. Diese Fähigkeit wird z.B. in der Zen-Malerei ausgedrückt. „Kein Zögern ist erlaubt, kein Löschen, kein Nachziehen, kein Retuschieren, kein Neugestalten… Einmal gezogen, stehen die Linien ein für allemal unverrückbar fest. Die Inspiration ist etwas Spontanes, Absolutes, Augenblickliches…“ (D.T.Suzuki).

Methoden einer „Schule des Augenblicks“


Eine „Schule des Augenblicks“ nimmt je nach Bedarf eine neue Form an, sie hat keine formale Methode und kein festes Lehrgebäude. Natürlich benötigt jedes Training, sei es in einer Gruppe, einer Gemeinschaft oder in einem Kloster eine gewisse äußere Struktur, doch wenn sie im Kern die Geistesgegenwart der Schülerinnen und Schüler ausbilden will, dann muss man damit rechnen, dass die tägliche Routine immer wieder durchbrochen wird. Der Unterschied zwischen Mahamudra (à Tibet-Tantra) und à Zen verdeutlicht diese zwei Formen: Als es nach Hui Neng (638-713) zur Teilung der Schulen kam, verwandelte sich das chinesische Zen sowohl im Stil auch in der Praxis. Im Gegensatz zum Mahamudra kennt das spätere Zen keine „Wegmarkierungen“ oder Instruktionen. Der Schüler muss „im Dunkel“ beginnen, dem Meister vertrauen und eine plötzliche innere Erleuchtung erreichen. Mahamudra bietet eine Schritt-für-Schritt-Schulung.

In einer Schule des Augenblicks sind die Dinge nie so, wie sie scheinen. In Gurdjieffs Übungszentrum Fontainebleau gab es einen Teilnehmer, mit dem keiner zurechtkam. Er war reizbar, schlampig, fing mit allen Streit an und wollte sich auch sonst nicht so recht beteiligen. Als er schließlich abreiste, waren alle froh. Gurdjieff hielt ihn jedoch am Bus an, um ihn zurückzuholen. Der Mann hatte jedoch keine Lust mehr. Schließlich bot ihm Gurdjieff einen ansehnlichen Lohn für seine Rückkehr an. Als die anderen Schüler davon hörten, brach ein Aufruhr aus. Gurdjieff lachte und erklärte ihnen den Grund: „Dieser Mann ist für euch das, was fürs Brot die Hefe ist. Wenn er nicht hier wäre, würdet ihr niemals lernen, was Wut, Reizbarkeit, Geduld und Erbarmen ist. Deshalb müsst ihr mir Geld für den Aufenthalt bezahlen, und ich bezahle ihn, damit ihr etwas lernen könnt.“ Gerade die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen kann die Wahrnehmung für die Ganzheit einer Situation schaffen.

Deshalb sind Schulen dieser Art (mit formaler Struktur oder ohne) wichtig, weil sie erst die notwendigen Grundlagen im Schüler legen, damit er fähig ist, zum Kern der Erkenntnis vorzustoßen. Die notwendige Aufmerksamkeit und Intuition kann nur durch Übung und Training entwickelt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das bereits erwähnte Kendo: „Wenn ein Schüler die Kunst des Kendo zu erlernen wünscht, werden seine Abwehrbewegungen am Beginn seiner Unterrichtung … instinktiv sein. Nach einer langen Zeit wird er genauestens alle Angriffs- und Verteidigungstechniken lernen. Beim Kampf wird er jetzt versuchen, die Techniken, die er erlernt hat, anzuwenden: dabei wird sich sein Geist der Handlung bewusst sein: er wird den ursprünglichen Hauch der Unschuld und der Freiheit verloren haben. Erst in der dritten Phase, nach einer langen Ausbildungszeit, wird es ihm gelingen, endlich die Techniken zu vergessen, die sein ‚Körper‘ überdies selbständig angenommen haben wird, und sein Geist wird wieder zur früheren Freiheit und Intuition zurückfinden, jedoch auf einem anderen Niveau.“ (Nitobé, Bushido)

Aufmerksamkeit ist eine Eigenschaft oder direkt zugängliche „Funktion“ des individuellen Willens (oder des „wirklichen Ichs“ oder wie im Buddhismus die „überpersönliche Kraft des Geistes“) und wird normalerweise von vielen Dingen angezogen und verbraucht. Wie die Aufmerksamkeit konzentriert werden kann, ist eines der Geheimnisse der Lehre. Eine gute Übung ist die Beobachtung, die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens. Sie kann dem Schüler zeigen, wie er von vielen Dingen angezogen oder abgelenkt wird und entsprechend reagiert. Deshalb rufen bestimmte Lernsituationen sehr viele Spannungen hervor, weil der Schüler mit seinen Identifikationen konfrontiert wird, welche seine spontane Aufmerksamkeit blockieren. Diese Spannungen dienen auch dazu, Energien aufzubauen, die helfen, den notwendigen Abstand von den eigenen Verhaftungen zu gewinnen. Ziel ist die Befreiung von der Identifikation mit inneren und äußeren Dingen, selbst der gelernten Technik. Ein guter Kampfsportmeister braucht nur drei oder vier Armhaltungen um jeden Angriff abzuwehren.

Eine Methode zur Schulung der Aufmerksamkeit ist körperliche Arbeit oder Körpertraining. Dabei lernt der Aspirant, konzentriert an seiner Aufmerksamkeit zu arbeiten, entweder mit Hilfe von Selbstverteidigungstechniken, Tanz oder anderen Übungen, die schnelle Bewegungskoordination erfordern. Denn gerade Bewegung, die schneller ist als das Denken, kann den Übenden zum Zentrum seiner Bewegung führen, das bewegungslos ist.

Eine weitere Methode benutzt eine handwerkliche Tätigkeit oder Ausbildung. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, handwerkliche Fähigkeiten auszubilden, sondern in ungewohnten Situationen mehr über sich selbst zu erfahren. Da ein handwerklich unausgebilderter Schüler bzw. eine Schülerin zuerst lernen muss, mit dem neuen Material zurechtzukommen, verfällt er nicht sofort in Routinen, die ein geübter Handwerker besitzt. In dieser Situation wird der Wille, etwas Neues zu lernen, ebenso geschult wie die Ausdehnung der Aufmerksamkeit. Ein weiteres Element ist die gezielte Unterbrechung durch den Lehrer, um den Schüler immer wachsam zu halten. Gurdjieff benutzte dazu die „Stopp-Übung“. Wenn der Leiter einer Gruppe laut hörbar das Wort „Stopp“ ruft, müssen die Schüler alle Bewegungen und Tätigkeiten „einfrieren“ bis sie nach kurzer Zeit wieder zum weitermachen aufgefordert werden. Diese Übung sollte – auch wenn sie einfach zu sein scheint – nur von einem erfahrenen Lehrer durchgeführt werden, der alles im Blick hat, damit keine Unfälle passieren können.

Häufig werden Gruppensituationen geschaffen, in denen die Teilnehmer den Eindruck haben, der Lehrer sei chaotisch und könne nicht gut organisieren. Man erwartet eben, dass in einem Seminar alles so geschmiert abläuft, wie man es gewohnt ist. Wenn der Leiter diese Form absichtlich gestalten kann, dann gelingt es ihm schnell, die Teilnehmer zu verunsichern, die am Gewohnten festhalten wollen und eigentlich nichts Neues lernen möchten.

Erweiterte Aufmerksamkeit und spontanes Handeln ist von besonderer Bedeutung für die eigene Entwicklung. Es ist eine Wachheit, die nicht nur auf eine Sache konzentriert ist, sondern gleichzeitig mehrere Dinge auf einmal einbezieht, die um den Übenden herum passieren, ohne die Aufmerksamkeit auf den Job zu verlieren. Geübte Hausfrauen und Mütter mit Kindern sind natürliche „Meisterinnnen des Augenblicks“, wenn auch meist „unbewusst“. Wenn Sie lernen, diese natürlichen Fähigkeiten ihrer besonderen Lebensumstände auf andere Situationen zu übertragen, sind sie auch im Leben erfolgreich. Männern fällt es meistens schwerer, mehrere Dinge gleichzeitig zu beachten, was teilweise mit ihrer etwas anderen Gehirnstruktur zu tun hat.

Fortgeschrittene Trainingsmethoden verlangen gerade diese vielseitige Aufmerksamkeit. In sich selbst zentriert zu bleiben und dennoch mit einem Teil der Aufmerksamkeit der äußeren Umwelt gewahr zu sein, ist eine grundlegende Übungspraxis einer „Schule des Augenblicks“. Denn für unser normales Denken und Empfinden sind spirituelle Impulse zu schnell. Wir können sie erst im Nachhinein wahrnehmen. Das beste Beispiel ist die Wirkung der Intuition und Kreativität. Wir haben einen Einfall, der wie aus dem Nichts kommt, also nicht von äußeren Faktoren bedingt ist oder jedenfalls keine unmittelbare Reaktion auf einen äußeren Anlass darstellt, und sind selten in der Lage, diesen Einfall im Augenblick seines Entstehens zu sehen, vielleicht noch nicht einmal hinterher. Er fließt einfach durch uns hindurch, ohne Spuren zu hinterlassen. Doch wenn der Einfall wichtig ist, sollten wir in der Lage sein, ihn zu bemerken! Manche spirituelle Richtungen, die heute verbreitet sind, sprechen davon, dass man einfach „im kosmischen Strom fließen“ soll. Das mag zwar ein sehr angenehmes Gefühl sein, geht aber ganz am Kern der Sache vorbei. Denn die ungebundene Sensitivität sollte nicht einfach erlebt, sondern konzentriert werden, damit die Aufmerksamkeit, das Bewusstsein und die Kreativität, die intensivere „Energien“ sind, überhaupt auf eine Basis bzw. „Gefäß“ in uns treffen. Ohne diese Basis sind wir allen möglichen inneren und äußeren Impulsen ausgeliefert, die uns von unserer wirklichen Arbeit ablenken. Wir fühlen uns zwar frei, doch sind nicht frei; Freiheit ist eine Eigenschaft des Willens und der Aufmerksamkeit. (Die Welt des Willens, d.h. der geistigen Wirkkraft, darf natürlich nicht als rigide Struktur verstanden werden, sie ist gerade das Gegenteil, sonst wäre es auch keine Welt der Freiheit.)

Was ist der Augenblick?

Wie bereits am Beispiel der Aufmerksamkeitsschulung gesehen werden konnte, ist die „Meisterung des Augenblicks“ keine willkürliche Angelegenheit, sondern basiert auf einer gewissen Disziplin des Schülers. Auch eine strukturierte Methode kann viele Augenblicke schaffen, die gemeistert sein wollen. Die Herausforderung ist permanent. Diese Einstimmung in die Situation, in das „größere Ganze“ ist Teil des Trainings für den Augenblick. Jeder Moment ist der einzige, den wir haben, nicht die Vergangenheit oder die Zukunft. Doch die Einheit eines gegenwärtigen Augenblicks liegt nicht in der verschwindenden Sekunde eines Zeitablaufs, sondern im Heraustreten in eine andere Zeitdimension, den größeren gegenwärtigen Augenblick. Hier wird eine Sekunde zur Unendlichkeit.

Je mehr inneren „Raum“ wir erschaffen, desto mehr Zeit haben wir. Das klingt Paradox, aber durch die Entfaltung eines inneren Seins, das außerhalb der Zeit ist, wird die Zeit gemeistert. William Blake drückt das sehr schön aus: „Die Ewigkeit ist verliebt in die Hervorbringung der Zeit.“ Der innere Raum wird frei durch die Befreiung von vielem Schrott, den wir in uns tragen und durch die bewusste Ausdehnung und Stärkung der inneren Kraft. Der Augenblick kann sich erweitern. (à Themen 2, Welten des Bewusstseins)

Die Meister des Augenblicks arbeiten mit dieser Tatsache, sie haben eine Vision und eine Verbindung mit dem größeren Raum und der größeren Zeit. Deshalb können sie im gegebenen Augenblick in einer Zeitsequenz der normalen Zeit richtige Dinge tun, die von anderen für völlig unsinnig gehalten werden, weil diese nicht sehen können, in welchem Zusammenhang die entsprechende Aktion steht.

Eine Schule des Augenblicks führt im Idealfall keine festgelegten Rituale durch, hat kein dogmatisches Lehrgebäude oder gibt bestimmte Vorschriften. Sie schafft vor allem intelligente Umstände, die nicht nur dem Schüler eine Möglichkeit zum Wachstum bringen, sondern auch in einer größeren Ordnung eine Rolle spielen. Sie können jedes Material benutzen, das zur Verfügung steht, und seien es Steine, die herumliegen. Eine Zen-Geschichte illustriert diesen Punkt: Zwei Zen-Mönche diskutierten über Subjektivität und Objektivität. Einer sagte: „Dieser Stein dort, ist er außerhalb oder innerhalb meines Geistes?“ Der andere: „Nach den Regeln des Buddhismus ist er innerhalb.“ Der Meister kam dazu: „Dein Kopf muss ganz schwer sein, wenn du den Stein dort herumträgst.“

Die Meister des Augenblicks sind sich natürlich bewusst, dass jede ihrer Aktionen irgendwann imitiert wird, dass jede Form und Struktur, die sie vorübergehend annehmen, erstarren kann. Deshalb haben diese Meister immer neue Formen und neue Situationen geschaffen, die der Augenblick geboten hat. Wir können uns also nicht darauf verlassen, dass ein „Sufi“ immer ein „Sufi“ sein wird oder diesen Namen trägt. Wahrscheinlich wird er sich selbst sowieso nicht so benennen. Eine Bezeichnung für die Manifestation einer Lehre gilt immer nur für eine bestimmte Zeit und wird fallen gelassen, wenn sie ihren Dienst getan hat. Diejenigen, die dann daran festhalten, halten an einer toten Form fest, die wenig lebendige Kraft hat. Das Beharren der Menschen an bestimmten äußeren Formen ist natürlich der Grund, warum manche Formen über Jahrhunderte überleben. Zum Teil ist das auch beabsichtigt, weil wenige in der Lage sind, die Herausforderung der Schule des Augenblicks anzunehmen. Im Zen gibt es den Ausspruch: „Triffst Du Buddha unterwegs, dann töte ihn“, was besagt, dass es einen Buddha nach unserer Vorstellung nicht gibt.

Wenn heute über spirituelle Traditionen wie Sufismus oder Zen geschrieben und gesprochen wird, wird meistens die überlebte Form oder die Form der Anpassung an unseren Geschmack gemeint. Wirkliche „Meister des Augenblicks“ spielen nicht mit im Zirkus der Eitelkeiten. Sie mögen uns bekannt sein, Vorträge halten und Bücher schreiben, doch ihre wirkliche Arbeit geschieht im Verborgenen. Selbstverständlich hat jeder eine bestimmte Rolle zu spielen, einen Dienst für die Menschheit zu erfüllen, und dieser wird wahrgenommen. Dennoch wird es der Sucher schwer haben, einen kreativen „Meister“ zu finden. „Ein Schüler lernte seit einigen Monaten bei einem Sufi. Eines Tages sagte er: ‚Meister, Du bist einer der größten Männer in der Welt und doch verhältnismäßig unbekannt. Ich fühle es als eine Pflicht, herumzureisen und den Leuten von Deiner Größe zu erzählen. Wie kann es nur sein, dass ein so unendlich perfekter Mensch unbekannt bleiben soll.‘ Der Meister sagte: ‚Wenn ich sagen würde, ich sei ein unendlich perfekter Mensch, oder jemanden dies von mir verbreiten lassen würde, würdest du wissen, dass ich dies nicht bin. Das Gefühl, dass du deinen Lehrer als den größten Menschen auf Erden darstellen musst, ist ein Zeichen deiner eigenen Überheblichkeit.“

Das Ziel unseres Strebens ist jenseits jeder Vorstellung. Auch die Meister des Augenblicks sind gewissen Bedingungen unterworfen, doch sie sind wahrscheinlich eher in der Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das kosmische Unendliche schafft immer neue Gelegenheiten zur Arbeit, und mischt sich nicht ein. „Wenn wir uns dem Werk verpflichten, das manchmal der Geist Gottes genannt wird, verpflichten wir uns für immer der Veränderung.“(Reshad Feild)

Literatur:
Bennett, Elizabeth: Idiots in Paris, York Beach, Maine 1991
Bennett, John: Die Meister der Weisheit, Singhofen 1997
Chang, Garma C.C.: Mahamudra-Fibel, Wien 1979
Dervish, H.B.M.: Journeys with a Sufimaster, Octagon Press
Feild, Reshad: Schritte in die Freiheit, Reinbek 1988
Feild, Reshad: Wisse, dass Du geliebt wirst, Zürich 2003
Feuerstein, Georg: Heilige Narren, Frankfurt 1996
Gurdjieff, G. I.: Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen, München 1997
Millman, Dan: Der Pfad des friedvollen Kriegers, Interlaken 1990
Notobè, Inazo: Bushido, Interlaken 1983
Reps, Paul: Ohne Worte, ohne Schweigen – 101 Zen-Geschichten, München 1983
Shah, Idries: Die Sufis, Köln 1983
Suzuki, D. T.: Leben aus Zen, München 1987

Siehe auch die Literatur zu den entsprechenden Wegen

Zufall, Risiko oder Freiheit oder: das Verlangen nach Sicherheit im Leben

„Der Gebrauch des Zufalls ist ein Maßstab der Intelligenz.“
Anthony Blake

Die Sehnsucht nach Nullrisiko ist tief im Menschen verankert. Doch: „Leben ist immer lebensgefährlich“, wie der große Dichter Erich Kästner es auf den Punkt brachte. Wir alle hoffen natürlich, dass dies erst spät nach einem langen Leben zutrifft. Viele trifft es früher. Wir sehen diese Tatsache täglich in den Nachrichten und die meisten von uns sind insgeheim froh, in relativer Sicherheit in einem Land zu leben, in dem sie nicht andauernd mit Terroranschlägen zu rechnen haben. Doch diese Ruhe ist relativ, selbst U-Bahn fahren ist nicht mehr ungefährlich, wie wir gesehen haben. Alltägliche Risiken sind aber ebenso gegenwärtig, Unfälle kommen unter vielfältigsten Umständen vor.

Statistisch gesehen haben Menschen im Haushalt das größte Risiko. Krankheiten und Verkehrsunfälle sind weitere Lebensrisiken. Unfälle entstehen in den meisten Fällen jedoch weniger „zufällig“, sondern werden durch „menschliches Versagen“, manchmal auch technisches Versagen verursacht. Unfallursachen im Straßenverkehr sind mangelnde Aufmerksamkeit, liegen aber häufig auch in der menschlichen Psyche, z.B. im Egoismus, in Größenwahn, in Überheblichkeit oder Aggression. Der zufällige Unfall kann natürlich im Nachhinein auch Sinn machen, wenn der Verursacher über sein Verhalten nachdenkt und in Zukunft rücksichtsvoller und vorsichtiger fährt. Kann man jedoch sagen, in der Kausalität der Welt war angelegt, dass dieser Mensch einen Unfall brauchte, um aufzuwachen?

Wer kein Risiko empfindet, macht Fehler, denn seine Wachsamkeit lässt nach. Es wird gesagt, dass Angst und Aufmerksamkeit eng miteinander verbunden sind. Auf Flughäfen wird das Sicherheitspersonal durch einen Zufallsgenerator immer wieder in Aufmerksamkeit trainiert. Manchmal wird ein Signal ausgelöst, welches das Wachpersonal zur genaueren Kontrolle veranlasst, ohne dass tatsächlich ein gefährlicher Gegenstand beim Passagier vorhanden ist.
Die Übung der Aufmerksamkeit ohne sich auf Zufallsgeneratoren oder die Angst zu verlassen, wäre besser und eine der wichtigsten Trainingsmaßnahmen, um Unfälle auszuschalten. Doch es geht nicht nur um Unfälle: In dem Augenblick, in dem ein Mensch wirklich „wach“ ist und die Welt „bemerkt“, ist er in Kontakt mit der Wirklichkeit. Als ob ein Schleier vor seinen Augen weggenommen wird, fällt ihm auf, dass er vorher von der Wirklichkeit abgeschnitten war. Mit trainierter Aufmerksamkeit befinden die Menschen sich öfter in einem Bewusstseinsfeld, in dem das innere Lebensmuster tätig ist. „Zufällige Unfälle“ gehören in den „mechanischen“ Ablauf der Welt, auf die Ebene, in der die Dinge einfach gesehen – und wenn es den Menschen betrifft, dass er nicht achtsam war.

Im öffentlichen Leben wird versucht, alle vorstellbaren Unwägbarkeiten und Zwischenfälle auszuschließen, indem man sie von vornherein einkalkuliert und entsprechende „Sicherheitsmaßnahmen“ trifft. Doch wer nach maximaler Sicherheit strebt, versäumt es, sich an Bedingungen anzupassen, die sich ändern können.

Synchronizität


Wird das Leben tatsächlich allein vom Zufall regiert, wie der Spiegel-Autor Stefan Klein in seinem Buch „Alles Zufall“ suggerieren möchte? Seiner Meinung nach sind Zufälle zugleich Folge und Triebkraft jeden Fortschritts. Nur durch Zufall kommt etwas Neues in die Welt.

Diese Idee stimmt hinsichtlich der Kreativität. Viele wissenschaftliche Entdeckungen sind durch scheinbar zufällige Umstände und Bedingungen in die Welt gekommen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Umstände des kreativen Durchbruchs rein zufällig waren. Immerhin müssen einige Bedingungen für Entdeckungen vorliegen: Der Wissenschaftler muss bereits tief in die Sache eingedrungen sein, die richtigen Fragen stellen und auch wissen und verstehen, wonach er sucht. Er muss ein Umfeld haben, das eine Entdeckung in seinem Forschungsgegenstand ermöglicht, alles muss zusammenpassen: die richtigen Mitarbeiter, das geeignete Forschungslabor, sogar der Zeitpunkt muss stimmen. Und er muss genügend Intuition haben, um einer spontanen Idee zu folgen und sie nicht gleich zu verwerfen. Diese letztere Bedingung bezeichnet man dann gern als „Zufall“. Nur: in gewisser Weise wurde durch alle anderen Bedingungen der „Zufall“ herbeigezwungen. Im Zusammenhang mit einem kreativen Einfall allein von „Zufall“ zu sprechen, ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen.

Eine weitere Bedingung für eine kreative Entwicklung ist der Risikofaktor. Denn das Risiko zu scheitern, einer falschen Fährte zu folgen ist an der Entdeckung genauso beteiligt, wie die Gefahr, „den Geist aus der Flasche“ zu lassen. Manche Konsequenzen einer unvorhergesehenen Entdeckung sind nicht nur für die Beteiligten gefährlich, sondern vielleicht sogar für die menschliche Gesellschaft. Man denke nur an die Entdeckung der Radioaktivität und ihrer Folgen.

Betrachten wir einen weiteren Aspekt, der uns tiefer in die Welt des Bewusstseins führt. Es ist heute üblich geworden, bei einer „zufälligen“ Begegnung oder einem „zufälligen“ Telefonanruf zu sagen: „Es gibt keine Zufälle“. Viele sagen in dem Moment auch: „Gerade habe ich an Dich gedacht!“ Es gibt viele Geschichten darüber, wie verschiedene zufällige Ereignisse plötzlich aufeinander treffen und „Ereignisketten“ bilden, obwohl sie in keinem kausalen Zusammenhang stehen. Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung bildete dafür den Begriff der Synchronizität. Der Physiker Wolfgang Pauli, der mit Jung über dieses Thema diskutierte und arbeitete, bezeichnete dasselbe Phänomen als „nicht-konstante Verbundenheit durch Zufall, Gleichwertigkeit oder Sinn“. Der Gedanke, dass eine Synchronizität sinnvoll sein kann, ist der Schlüssel zu dieser Idee. Reine Zufallsereignisse können sich durch vernetzte Muster ergeben, wie sie beim Absturz der Concorde aufgetreten sind. Wie man inzwischen weiß, sind mehrere Faktoren zusammen getroffen, sonst wäre das Unglück nicht passiert. Das Wesen der bedeutungsvollen Synchronizität ist jedoch, dass das entsprechende Muster für den, der es erfährt, einen Sinn oder Wert besitzt. Synchronizitäten spiegeln unsere geistigen, inneren Prozesse wider und nehmen dabei die Form äußerer Manifestationen an.

Es gibt persönliche Begegnungen, die tatsächlich nur zufällig vorkommen, genauso, wie jemand eine Grippe bekommt. Die Grippeviren suchen sich nicht jemand Bestimmten aus, ihre Eigenart ist es, sich von Träger zu Träger auszubreiten. Es ist natürlich möglich, auch in dieses Ereignis einen Sinn hineinzudeuten, z.B. dass man die Grippe nur bekommt, weil man durch schlechte Ernährung ein schwaches Immunsystem hat. Wenn man diese Kausalität weiterdenkt, muss man noch die zufällige Begegnung mit einem Grippewirt anfügen, der wiederum selbst ein Opfer ist.

Sinnvolle Synchronizitäten stehen den Forschungen nach jedoch oft mit Phasen der Wandlung in Zusammenhang, zum Beispiel mit einer Verliebung, einer Psychotherapie, einer intensiven schöpferischen Arbeit oder dem Wechsel eines Jobs. Es scheint, dass diese innere Umstrukturierung einen Ausbruch mentaler innerer Energie bewirkt, der sich dann in die Bewusstseinsfelder anderer Menschen fortpflanzt. Synchronizitäten treten auch vermehrt bei Menschen auf, die durch ihre Bewusstseinsarbeit sich im gleichen oder parallelen Bewusstseinsfeld befinden wie andere „Gleichgesinnte“.

Der Risikofaktor


„Es gibt Dinge, die man sieht, und Dinge, die man nicht sieht. Dazwischen gibt es Pforten.“
William Blake

Wie können wir nun den bedeutungsvollen Zufall, den kreativen Durchbruch und das Risiko in einem Zusammenhang sehen? Eine Zen-Geschichte kann diese Idee vielleicht veranschaulichen:

Eine Zen-Nonne meditierte viele Jahre unter Anleitung eines Meisters. Doch irgendwie schaffte sie es nicht, in die wirkliche Stille zu kommen. In einer Mondnacht holte sie Wasser in einem alten Eimer, der mit Bambus zusammen gebunden war. Doch sie füllte den Eimer zu voll, der Bambus riss und der Boden fiel aus dem Eimer und das Wasser verspritzte. In diesem Augenblick kam sie zur „Erleuchtung“ und schrieb hinterher: Kein Wasser mehr im Eimer! Kein Mond mehr im Wasser!

Der Durchbruch zur tieferen Erkenntnis der Dinge, so wie sie sind, geschieht meist spontan. Ohne das Risiko, dass etwas schiefgehen kann, sind weder Freiheit noch neue kreative Ideen möglich. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Türen zwischen den Welten zu öffnen, um das wunderbare Licht des Mondes hereinzulassen. Und es gibt tatsächlich Lücken im Universum für das Unsichtbare und das Neue. Der Mathematiker und Physiker John G. Bennett beschreibt ein einfaches Phänomen: „Materie hat Lücken. Dieses Trinkglas hier – wir alle wissen das, weil wir es in der Schule gelernt haben – sieht aus, als sei es durch und durch aus Glas. In Wirklichkeit ist es aber ein fast leerer Raum, mit kleinen Stoff- oder Energiekonzentrationen hier und da. Wir wissen auch, dass dieses feste Stück Glas flüssig wird, wenn wir es erhitzen, und seine Form verliert. Es ist allerdings nicht so leicht zu verstehen – und die Sachverständigen haben das erst vor kurzer Zeit entdeckt – wie der Übergang vom festen zum flüssigen Glas überhaupt möglich ist. Wir wissen nun, dass es Hohlräume zwischen den Teilchen gibt, die es ermöglichen, dass ein Atom in eine solche Lücke schlüpfen kann und damit Platz für das nächste macht.“

Der Risikofaktor bietet also auch Lücken und öffnet Türen für die Kreativität. Durch die Entdeckungen der Quantenphysik, der Chaostheorie und die Fluktuationen in chemischen Lösungen, die zu unvorhergesehenen neuen Zuständen führen, hielt die Idee des Risikofaktors auch Einzug in die Naturwissenschaften. Immer mehr Wissenschaftler sind bereit anzuerkennen, dass viele Prozesse auf der materiellen Ebene weder vorhersagbar noch kontrollierbar sind. Die Idee der Instabilität und der Fluktuation schwappte auch über in die Sozialwissenschaften.

Der Nobelpreisträger Ilya Prigogine, der diese „dissipativen Strukturen“ entdeckte, zieht daraus den Schluss: „Dies führt zu Hoffnung und Bedrohung: Hoffnung, da sogar kleine Fluktuationen anwachsen und die allgemeine Struktur verändern können. Als Ergebnis ist die individuelle Aktivität nicht zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Andererseits besteht auch eine Bedrohung, da in unserem Universum die Sicherheit von stabilen, dauerhaften Regeln für immer verschwunden ist. Er leben in einer gefährlichen und unsicheren Welt, die kein blindes Vertrauen anregt.“

Der Mathematiker John G. Bennett ging Jahre vor den genannten Entdeckungen bereits noch einen Schritt weiter: „In die Existenz des Universums ist ein grundsätzlicher Unsicherheitsfaktor eingewoben. Dieser Unsicherheitsfaktor betrifft die Existenz der Menschheit gleichermaßen. … Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die Lehre vom universellen Risiko bald unseren Glauben an das Absolute auf manchen Gebieten ablösen wird.“

Was bedeutet diese Erkenntnis für uns Menschen im Allgemeinen? Wenn ein „Risikofaktor“ in alle Ereignisse auf der materiellen wie der menschlichen Ebene und sogar der spirituellen Ebene eingewoben ist, müssen wir die Frage stellen, was wir mit dieser Erkenntnis in unserem Leben anfangen können. „Hasard (Risiko) und Intelligenz kommen zusammen vor, weil durch Hasard Intelligenz erst ins Spiel kommen kann. Je größer die Intelligenz, desto größer das vorhandene Risiko. Das bedeutet, dass Gott Hasard am intensivsten ausgesetzt ist.“ (A. Blake) Wenn wir Gott mit universaler Intelligenz gleichsetzen, ist eben das Risiko, dass die Schöpfung oder alles, was wir mit Natur und Leben verbinden, überhaupt gelingt. Im Umkehrschluss kann auch gesagt werden, dass wir die Kapazität unserer Intelligenz erweitern müssen, um die Lücken für kreative Möglichkeiten zu erkennen.

Ein spannendes Beispiel dafür ist die Evolution des Lebens. Sehen wir einmal von manchen unhaltbaren darwinistischen Thesen ab und betrachten die Entwicklung des Lebens unvoreingenommen, stoßen wir ständig auf die Frage, wie bestimmte Kreaturen auf der Erde überhaupt entstehen konnten. Es lässt sich vermutlich leicht erklären und nachweisen, wie sich Einzeller zu Mehrzellern entwickelt haben. Dass sich aus Mehrzellern aber die unterschiedlichsten Geschöpfe entwickelt haben, lässt sich nicht allein durch einen „zufälligen“ Evolutionsschub erklären.

Man bringt ja immer wieder Zufall und Notwendigkeit als Erklärungsmuster ins Spiel. Die Notwendigkeit hat es vielleicht mit sich gebracht, dass Fische tief im Meer, wo es Stockfinster ist, Lampen an ihren Köpfen herausbildeten, damit sie in der Unterwasserdunkelheit sehen und Beute fressen konnten. Es stellt sich jedoch die Frage, wie diese Wesen überlebt haben, bevor sie ihre Umgebung beleuchten konnten. Haben sich die Leuchten zufällig mit dem Entstehen dieser Fische gebildet? Ein anderes Beispiel wäre die „Kambrium-Explosion“, in der vor rund 500 Millionen Jahren auf der Erde innerhalb sehr kurzer Zeit viele neue Spezies entstanden sind. Es entstanden plötzlich Tiere mit Zähnen und Krallen in großer Vielfalt. Kein Evolutionsforscher kann trotz zahlreicher Fossilienfunde genau erklären, was damals passiert ist.

Es kann auch niemand vernünftig erklären, wie aus Affen innerhalb von sehr kurzer Zeit plötzlich sprechende und handwerklich geschickte Menschen wurden. Nicht nur die Gehirnentwicklung war dabei entscheidend, allein die Herausbildung der geeigneten Sprechwerkzeuge ist ein außerordentlich komplexer Vorgang. Man hat ja alles Mögliche versucht, um Schimpansen das Sprechen beizubringen. Doch sie haben einfach nicht das geeignete Sprechorgan.

Bevor Sie mich als „Kreationisten“ abstempeln, der bei all diesen Entwicklungen einen „göttlichen“ Eingriff vermutet, bitte ich Sie, einen weiteren Schritt mit mir zu gehen. Ich vertrete hier einen dritten Weg: Ich glaube (glaube, weil es bisher nicht wirklich wissenschaftlich „bewiesen“ werden kann) vielmehr an die inhärente Intelligenz in allem Lebendigen, das zur Selbstorganisation und intelligenter Entwicklung fähig ist. Diese dritte These, die jenseits von „Erschaffung durch Gott“ oder „mechanischer, zufälliger Entwicklung“ liegt, wird heute immer öfter auch von kreativen Wissenschaftlern vertreten. Michael Crichton („Jurassic Park“) beschreibt diese Denklinie anschaulich in seinem Wissenschaftsroman „Die Beute“, in der programmierte Nanowesen einen Intelligenzsprung machen und sich plötzlich von jeder äußeren Programmsteuerung selbständig machen. In diesem Beispiel wird auch deutlich, dass wir nie sicher sein können, dass etwas aus dem Ruder läuft. Dasselbe gilt für die Evolution des Lebens. Ohne das Risiko, das der intelligenten Selbstorganisation inhärent ist, wäre nur eine kreationistische, kontrollierte Entwicklung möglich gewesen und die Entstehung des Menschen ein vorbestimmtes Ereignis. Und ohne intelligente Selbstorganisation gäbe es keine Tiere, die einen gewissen Grad an Empfindungsfähigkeit und sogar Bewusstheit haben. Auch die menschliche Willensfreiheit gäbe es ohne einen Risikofaktor nicht.

Leben ist eine unabhängige Schöpfung innerhalb des Universums. Das Entstehen von Einzellern auf der Erde, mit der Fähigkeit der Selbsterneuerung und Reproduktion und deren weiteren Entwicklung zu intelligenten Zellverbänden bis hin zum Menschen, ist eine höchst unwahrscheinliche Möglichkeit, die sich kaum durch Zufälligkeit oder gar Synchronizität erklären läßt. „Die Natur hätte viel länger als das Weltalter gebraucht, um eine sich selbst reproduzierende Sequenz von Aminosäuren wie den Träger der genetischen Information, die DNS, hervorzubringen, wenn der Prozess allein dem Zufall überlassen geblieben wäre“, schreibt der Physiker David Peat. Und ob es „notwendig“ war, dass aus schwimmenden Großwesen Affen evolvierten und daraus schließlich Menschen bleibt auch dahingestellt. Für was und wen war das „notwendig“?

Es könnte sein, dass die Erschaffung oder Entstehung des Universums und auch der Evolution des Lebens keine einmaligen Vorgänge sind, sondern eng mit der Selbst-Erhaltung des Weltalls zusammenhängen. Offenbar leben wir nicht in einer vollkommenen Welt, die vor 15 Milliarden Jahren durch einen grossen Knall entstanden ist und sich seitdem mechanisch nach ihren eigenen astrophysikalischen Gesetzen ausdehnt. Frage auch: Wie sind diese „Naturgesetze“ überhaupt entstanden? Eine Erkenntnis aus diesen Fragen kann sein, dass wir in einer Welt leben, die sich ununterbrochen neu erschafft. Inzwischen haben Physiker einwandfrei bewiesen, dass es mehr Materie als Anti-Materie im Universum gibt. Ist das ein Hinweis auf die fortwährende Erschaffung? Denn wenn beides in gleicher Menge vorhanden wäre würden sich Materie und Anti-Materie gegenseitig vernichten – es gäbe kein Universum.

Die Rolle des Menschen


Welche Rolle spielen wir Menschen dann auf diesem abgelegenen Planeten am Rande einer der unzähligen Galaxien des Weltraums überhaupt? Können oder müssen wir etwas zur Erhaltung der Welt beisteuern? Mit dem Auftreten menschlicher „Formen” sind offenbar auch neue Gesetze entstanden – zumindest für die Biosphäre, vielleicht auch für das Sonnensystem.

Der Schlüssel liegt in der Welt der Energien. Nach Einstein ist Materie gleich Energie. Und Energie ist Schwingung, die Schwingungen der Quanten. Für die Physiker ist es kein Problem, das Weltall als aus Schwingungen bestehend zu betrachten. Die Physiker, die heute auf der Suche nach einer „Weltformel“ sind, stellen sich das Innerste des Universums aus vibrierenden „Superstrings“ vor. Die Forschung gelangt immer mehr zu der Erkenntnis, dass das Licht sich in Wellenform bewegt, ohne dass sich Teilchen nachweisen lassen.

Wenn alles aus Schwingungen besteht, die bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegen, haben wir möglicherweise bewusste Einflussmöglichkeiten auf diese Schwingungen entsprechend unserer eigenen Vibrationen, so wie umgekehrt die Schwingungen von Klängen körperliche Funktionen beeinflussen können. Es wurde sogar herausgefunden, dass unterschiedliche Zellen verschiedene „Klänge“ von sich geben. Die Musik von Krebszellen hört sich dissonant an, während gesunde Zellen fröhlich klingen (Information im Internet). Hinzu kommt, dass die schwingende Energie ein „Informationsträger“ ist. Die Energie muss Informationen in sich tragen, sonst würden sich die Atome und Teilchen nicht organisieren können. Es gäbe nur schwingende Atome, die keine materiellen Strukturen wie z. B. Kohlenstoffverbindungen bilden könnten. Jede energiereiche In-Formation verändert und bewegt deshalb auch das Feld des Bewusstseins, in dem wir Menschen eingewoben sind.

Die Unregelmäßigkeiten der Schwingungen im Gesamtkosmos bieten so auch eine Chance: Der Psychologe John Briggs und der Physiker David Peat sagen dazu: „Die Fähigkeit des Systems, eine kleine Schwankung zu verstärken, ist der Hebel der Kreativität. Biologische Systeme bewahren ihre Stabilität, indem sie die meisten kleinen Effekte wegdämpfen, außer in jenen Bereichen des Verhaltens, wo ein hoher Grad an Flexibilität und Kreativität erwünscht ist. Hier bleibt das System höchst empfindlich für alle Einflüsse, nahe einem Zustand des Chaos. Eine einzige Honigbiene kann bei ihrem Einflug in den Stock, in dem Tausende ihrer Genossen miteinander kommunizieren, durch ein bißchen Tanzen die Lage von pollenreichen Blumen anzeigen und damit das ganze Bienenvolk in die Luft abheben lassen.“

Die Menschheit hat immer versucht, Gott als ein Wesen zu sehen, das über allem Risiko steht, eine Allmacht, der Zufall und Unsicherheit, die wir in dieser Welt ständig ausgesetzt sind, nichts anhaben können. Und umgekehrt: wenn wir einsehen müssen, dass es nichts ohne Risiko gibt, treibt es uns leicht dazu, das Göttliche oder eine kosmische Intelligenz abzulehnen. Dabei ist es für unseren Glauben nicht notwendig, Gott oder eine schöpferische Intelligenz mit Sicherheit gleichzusetzen.
Alles hat zwar Gesetzmäßigkeiten, doch diese bedürfen dauernder Anpassung an die tatsächlichen Gegebenheiten. Die Schöpfung ist kein Uhrwerkmechanismus, der ohne Batterie immer und ewig genau läuft. Außerdem ist der Risikofaktor nicht auf das Universum beschränkt – er zieht sich durch das ganze menschliche Leben genauso wie durch die Organisationsstrukturen von Staaten und Unternehmen.

John G. Bennett schreibt in seinem Werk „Risiko und Freiheit“: „Risiko ist die Verbindung von Ungewissheit mit Bedeutung…

Für ihn gibt es drei Arten von Ereignissen:
1. belanglose Ereignisse, bei denen es ganz unwichtig ist, was schließlich geschieht;
2. Ereignisse, die zwar wichtig sind, bei denen jedoch ein bestimmtes Ereignis so überwiegend wahrscheinlich ist, dass keine Spannung entsteht;
3. und schließlich dramatische Ereignisse, die mit Risiko verbunden sind… „Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass es diese Ereignisse sind, die das Leben lebenswert machen.“

Wenn es solche Ereignisse nicht gäbe, dann hätte das Leben keinerlei Sinn. Trotzdem haben wir Menschen einen so zweideutigen Charakter, dass wir uns vor diesen mit Risiken verbundenen dramatischen Ereignissen fürchten, dass wir uns nach der Sicherheit sehnen, wie sie Ereignisse mit sich bringen, deren Ergebnis unserem Wunsche entspricht und auch vorausbestimmt und sichergestellt ist….

Was ist in unserem Wesen, das uns davor zurückhält, bis zu jenem Punkt vorzudringen, der am interessantesten und bedeutsamsten ist? Vielleicht ist es teilweise so, dass wir einfach nicht sehen, dass an diesem Punkt das Leben in seiner Fülle pulsiert, dass jede Abweichung von diesem Punkt eine Verminderung dieser Fülle darstellt. Das Seltsame ist, dass wir das Heldenhafte durchaus anerkennen – wir bewundern die Menschen, die sich einer großen Gefahr aussetzen, und wünschten sogar, daran teilzuhaben. Helden sind jedoch nur wenige, aber die meisten von uns fühlen sich vom Heldenhaften angezogen.

Wie kommt die Verbindung von Ungewissheit und Bedeutung zustande?
Wollen wir das Rätsel lösen, müssen wir durch die Grenzen brechen, die unserem gewöhnlichen Denken über das Dasein eigen sind…“
© 2004 Bruno Martin

Literatur:
John G. Bennett: Risiko und Freiheit – Das Wagnis der Verwirklichung. Chalice 2004
Bruno Martin: Zen der plötzlichen Erleuchtung – Ein Übungsweg zu sich selbst. Binkey Kok 2004
Robert Augros, George Stanciu: Die Neue Biologie. Scherz 1988
Michael Crichton: Die Beute. Karl Blessing, 2002
Victor Mansfield: Tao des Zufalls – Philosophie, Physik und Synchronizität. Diederichs 1998
F. David Peat: Synchronizität – Die verborgene Ordnung der Dinge. O. W. Barth 1989
Fred Alan Wolf: Körper, Geist und neue Physik. O. W. Barth 1989

Hat der Mensch einen freien Willen?

„Die Sinne trügen nicht, aber das Urteil trügt.“ Johann Wolfgang von Goethe

Gerade habe ich mich dazu entschieden, eine Tasse Kaffee zu trinken, nicht nur, weil ich jetzt Lust darauf habe, sondern auch, um mich etwas wacher werden zu lassen, damit ich „klarer“ denken kann. Dabei taucht die Frage auf, ob nicht das reine körperliche Bedürfnis nach Stimulanz mich zu dieser Handlung veranlasst hat. Oder traf ich meine Entscheidung aus der Überlegung heraus, dass mein Gehirn nun stimuliert werden muss, damit es besser funktioniert?

Die zurzeit heiße Diskussion zwischen Neurophysiologen, Psychologen und Philosophen über die Willensfreiheit des Menschen geht zum Teil von den Forschungen des amerikanischen Neuropsychologien Benjamin Libet aus, der herausgefunden hat, dass zumindest einfache Handlungen, wie die Bewegung einer Hand bereits durch neuronale Vorgänge eingeleitet werden, bevor eine Person sich zur Aktion entscheidet (350 Millisekunden vorher). Trifft das auch auf meinen Wunsch nach Kaffee zu? Und was bedeutet es, wenn ich mir den Kaffee verweigere und stattdessen auf die Terrasse gehe und Qi-Gong-Übungen mache um wach zu werden?

Hat das Gehirn sich nun für die weitaus anstrengendere Übung entschlossen und sich die schnelleren biochemischen Anreize verweigert? Oder könnte es sein, dass der Reiz von Atem- und Körperbewegungen effektiver ist als das Koffein – und das Gehirn diese Erfahrung als wohltuend gespeichert hat? Und wie ist es mit Fasten? Wenn ich immer nach einigen Stunden Kopfschmerzen bekomme, weil bestimmte Enzyme nicht produziert werden, entscheidet sich das Gehirn lieber, auf das Fasten zu verzichten. Aber meine freie Entscheidung – vielleicht aus spirituellen Gründen – körperliche Wünsche zu unterdrücken und dennoch zu fasten, bringt mich das in den Bereich der Freiheit?

Die meisten Menschen glauben, dass es in ihnen eine Kraft gibt, die ihnen – zumindest manchmal – erlaubt, frei zu wählen, was sie tun oder nicht tun wollen. Sie würden sagen, dass sie von ihrem „Willen“ Gebrauch machen. Doch nur jene Forscher, die das Problem des Willens sorgfältig untersucht haben, wissen, wie komplex die Sache ist. Wenn geistige Aktivitäten und Gehirnprozesse, die chemisch-physikalischen Gesetzen folgen, gleichzusetzen sind, kann von Freiheit nicht mehr die Rede sein. Menschliche Handlungen würden nur noch von diesen Gesetzmäßigkeiten bestimmt.

„Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt?“
Albert Einstein (1879-1955)

Die Willensfrage ist so verwirrend, dass viele Philosophen und Psychologen sich hinter der Behauptung versteckt haben, eine solche Kraft gäbe es überhaupt nicht. Sie sagen, das Gefühl der Freiheit sei eine Illusion, denn es sei ja nie möglich, mit Gewissheit zu sagen, ob eine Person einen Willensakt vollbracht hat oder ob ihr Verhalten automatisch oder durch Gehirnfunktionen bedingt war.

Die kürzliche öffentliche Stellungnahme führender Neurophysiologen und Gehirnforscher um Wolf Singer und Gerhard Roth war nicht nur eine „Kampfansage“ an die Idee menschlicher Freiheit. Es entstand auch der Eindruck, dass eigentlich niemand mehr für sein Verhalten verantwortlich ist, weil das Gehirn selbst entscheidet, nicht ein bewusster Wille. Denkt man diesen Standpunkt weiter, könnte der Umkehrschluss gezogen werden, dass es irgendwann in Zukunft möglich sein könnte (oder vielleicht sogar müsste?), das menschliche Gehirn so zu „programmieren“, dass gesellschaftliches Fehlverhalten (entsprechend der jeweiligen Moralvorstellungen und Gesetze) auf diese Weise ausgeschlossen werden kann. Doch sind wir vielleicht durch die Einwirkungen der Medien und der gesellschaftlichen Vorstellungen nicht schon ziemlich durchprogrammiert?

Wie viel Freiheit haben wir tatsächlich?


„Bewusstein und die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln sind von zentraler Bedeutung für den Begriff der Person.“
Michael Pauen (Philosophieprofessor)

Möglicherweise sind alle unsere Entscheidungen von Wertvorstellungen abhängig, die sich im Laufe des Lebens im Gehirn herausgebildet haben.

Der Philosoph John R. Searles führt in seinem neuen Buch „Freiheit und Neurobiologie“ die Argumentation ins Feld, dass die Jahrhunderte lange philosophische Debatte immer davon ausging, dass Materie und Geist, Gehirn und Bewusstsein von der falschen Voraussetzung ausging, „nämlich dass diese Begriffe sich gegenseitig ausschließende Kategorien der Wirklichkeit bezeichnen müssen – dass unsere bewussten Zustände als subjektive, private, qualitative etc. Zustände nicht gewöhnliche, physische, biologische Eigenschaften unseres Gehirns sein können.“

Er führt aus, dass ein Mensch nur dann begründet handeln könne, wenn seine Entscheidung nicht im Voraus kausal determiniert ist. Es bedürfe einer Lücke in der Kette kausaler Erklärungen von Ereignissen, wenn man Handlungen zu diesen Ereignissen zählt. Diese Lücke liegt im Indeterminismus (dem Unbestimmbarkeitsfaktor) der Quantenphysik. Nach Searles gibt es auch eine mentale Verursachung, d.h. einen freien Willen, und deshalb sind mentale Vorgänge keine bloßen Begleiterscheinungen der Neuronen im Gehirn.

Hinzu kommt auch die Frage: Wann hat sich in unserem Bewusstsein die willentliche Entscheidung so verdichtet, dass sie erkannt und vom Gehirn interpretiert werden kann? Genau diese physiologische Reizverarbeitung erfordert Zeit. Das bedeutet, der Willensakt ist bereits geschehen, bevor er im Gehirn gemessen wurde!

Unter spirituellen Gesichtspunkten können wir ein neues Modell des Menschen entwickeln, das nicht nur den Dualismus zwischen Körper und Geist aufhebt, sondern anerkennt, dass wir Menschen in einem vernetzten System von Leben, Bewusstsein und Universum eingebettet sind, in dem es verschiedene Ebenen gibt, die miteinander wechselwirken. Diesen Gedanken hat die buddhistische Zen-Philosophie bereits vor vielen Jahrhunderten formuliert. Sie entwickelt den zentralen Gedanken, dass „Form und Leere“ immer miteinander verknüpft sind. „Form ist Leere und Leere ist Form“, heißt es. Heute könnte man analog dazu sagen: Materie ist Energie und Energie ist Materie – eine Erkenntnis, die seit Albert Einstein auch physikalisch beweisbar ist.

Was sagt uns dies hinsichtlich der Idee des freien Willens? „Wille“ (analog zu „Leere“) ist nicht etwas, das vorher da war und das es jetzt nicht mehr gibt. Wille ist nichts, das neben anderem „existiert“. Für uns ist er immer mit dem Körper verbunden, und er existiert stets gemeinsam mit dem Körper, d.h. dem Gehirn. Diese Philosophie führt zur Vorstellung des Universums als einer riesigen Bühne, auf der ein Schauspiel voll unendlich komplizierter Wechselwirkungen aller Kräfte abläuft. Die Schlussfolgerung der Gehirnforscher, eine Willensentscheidung sei nur neuronal bedingt und völlig kausal, kann dieser Erkenntnis nie gerecht werden. Das so genannte Bereitschaftspotenzial, das B. Libet gemessen hat, ist Bestandteil des normalen Funktionierens des Gehirns.

Das angeblich neue Modell der Gehirnforscher beruht auf der „alten“ Kausalitätsvorstellung: Stimuli der Umwelt Sinnesorgane Gehirn und Wahrnehmungsverarbeitung Reaktion, Reflexion, Repräsentation Entscheidung. Biochemie, Gehirnelektrizität und neurophysiologische Abläufe wirken zusammen und verbinden sich mit den psychologischen Funktionen zu hoch komplexen Aktivitätsmuster. Wahrnehmungen, Erinnerungen, Handlungen, Gefühle und Gedanken bilden innere Muster im Gehirn, die wiederum wechselseitig aufeinander wirken und in bestimmten Abläufen fein ineinander greifen. Doch dies bringt noch nicht die Möglichkeit eines freien Willens ins Spiel.
„Der Intellekt mag für den Weg zur Erleuchtung eine wichtige Rolle spielen, entscheidend aber ist der Wille. Erleuchtung ist ein aus dem Willen geborener Akt der Intuition. Der Wille möchte sich selbst erkennen, so wie er in sich selbst ist, frei von allen gedanklichen Bedingungen.“
D. T. Suzuki (Zen-Philosoph, 1870-1966)
In einem spirituellen Modell ist Bewusstsein vom Gehirn unabhängig und bildet eine eigene Sphäre oder ein eigenes Bewusstseinsfeld, vergleichbar mit der Atmosphäre, vielleicht sogar mit dem Raum-Zeit-Kontinuum des Universums. Alles ist durchdrungen von „Willenspartikeln“ die über das Bewusstseinsfeld in einer Wechselwirkung stehen mit dem individuellen Bewusstsein des Einzelnen, wobei die Gehirnfunktionen ähnlich wie ein Radioapparat als Übertragungsstationen wirken. Das Bewusstseinsfeld, in welches das individuelle menschliche Bewusstsein eingebettet ist, kann Informationen aus dem Gesamtfeld der immer währenden, kreativen Neuerschaffung des ganzen Universums aufnehmen und speichern – und wiederum über das Gehirn als Empfänger in das menschliche Leben fließen lassen. In diesem Modell werden– im Gegensatz zum materialistischen Modell – willentliche Entscheidungen nicht im Gehirn getroffen, sondern kommen aus dem kreativen Bewusstseinsfeld. In diesem Fall wirkt ein Akt des freien Willens auf die neurophysiologischen Veränderungen ein, bevor es zu einer Handlung kommt. Wenn es ein vernetztes System ist, hat Kausalität keinen Platz mehr – vielleicht nur noch in bloßen Reaktionsmustern in dem Sinne: wenn ich angegriffen werde, versuche ich mich zu verteidigen. Solche Reaktionen kommen ständig vor – und möglicherweise sind diese tatsächlich unfreiwillig und unbewusst – oder auch wie beim Kampfsport lange geübt.

Die Grenzen zwischen verschiedenen Erlebnisdimensionen sind jedoch unscharf. Bei jedem veränderten Bewusstseinszustand lassen sich biochemische oder neurologische Wirkungsweisen feststellen. Physiker, Biologen oder Gehirnforscher machen es sich zu einfach, wenn sie daraus schließen, Bewusstsein sei nur eine Gehirnfunktion, und veränderte Zustände würden keine „geistige“ Welt außerhalb unserer physischen Wahrnehmungsfähigkeit beweisen. Selbst physikalische Modelle, die versuchen, paranormale Erfahrungen zu verstehen oder mit einem erweiterten Physikbegriff zu arbeiten, bleiben letztlich auf der Ebene „materialistischer“ Interpretation. Auch die Wechselwirkungen von Materie, Energie und Information sind für Physiker kein Beweis geistiger, nichtmaterieller Welten. Immerhin gehen manche Physiker inzwischen so weit zu sagen, „das Universum habe ein Bewusstsein“ und das Gehirn sei deshalb sein Abbild. Wenn das Gehirn so aufgebaut ist wie die Welt, dann ist die Welt auch so aufgebaut wie das Gehirn, das immerhin mit seinen 1019 Zellen (100 Mrd. mal 10 Mio.) eine ähnliche Dimension hat wie der Kosmos Sterne.

Die neurologischen Aktivitäten des Gehirns verarbeiten zwar die Eindrücke aus der Sinneswelt und erschaffen Daten, die den Menschen befähigen, mit der Außenwelt zurechtzukommen, doch allein diese Fähigkeit des Gehirns kann noch nicht als Bewusstsein bezeichnet werden. Ein Mensch kann durchaus leben und agieren, ohne irgendein „Bewusstsein“ zu haben, sozusagen wie ein lebendiger Roboter. Daraus kann geschlossen werden, dass die Qualität des Bewusstseins nichts mit dem Leben zu tun hat.

Was aber ist dann Bewusstsein? Man könnte es als bestehend aus „intelligenten Informationsquanten“ definieren, die die Fähigkeit haben, die Dinge „im Innersten“ zusammenhalten und zu informieren. Ähnlich wie Licht und Luft ist diese intelligente Energie in allem anwesend, doch wir bemerken sie meistens nicht. Man könnte sogar sagen, dass Bewusst-Sein, also wissendes, intelligentes Sein, alles Existierende umschließt oder in allem ist und mit dem schöpferischen Willen verbindet.
„Aber der Mensch ist nicht nur ein Geschöpf der Erde, sondern auch ein Geschöpf des Himmels. Er ist es allein schon deshalb, weil er …mit jedem Atemzug diesen Himmel mitatmet, da in jedem Atemzug noch die „Substanz“ selbst der fernsten Himmel … enthalten ist.“
Jean Gebser (Philosoph, 1905-1973)
Nach dem Bewusstseinsforscher John G. Bennett (1897-1974) ist der Wille allgegenwärtig und nicht von außen bedingt, also auch nicht durch irgendwelche neurologischen Faktoren. Er ist ein unteilbares Ganzes, das immer gleich bleibt, das ganze Universum durchdringt und dennoch aus einer unendlichen Anzahl von „Willenspartikeln“ zusammengesetzt ist. Der Wille selbst ist nach Bennett zeit- und raumlos und hat weder Potenzial noch Wechselwirkung (vergleichbar mit dem physikalischen Vakuum, das „leer“ ist, aber dennoch potenzielle Energie enthält) – das gilt jedoch nur, wenn er keinen Kontakt mit der Existenz hat. Tritt er indes in Kontakt mit der Existenz – also dem Körper, dann kann er sehr wohl Ergebnisse hervorbringen, die jedoch nur in der existierenden Welt zu beobachten sind. Der Wille an sich kann nicht beobachtet werden.
„Da wo die Aufmerksamkeit sich konzentriert, bin „Ich“, ist mein Wille konzentriert.“
John G. Bennett
Dieses Modell kann das Rätsel des freien Willens lösen, wenn man annimmt, dass Existenz von bestimmenden Bedingungen wie Raum, Zeit, Gravitation usw. geregelt wird. Wenn wir den Willen als „unbedingt“, d.h. ohne die bestimmenden Bedingungen der Existenz definieren, schließen wir ihn zwar aus der existierenden Welt aus und bringen ihn in die „essenzielle“ oder geistige Welt, aber wir sagen nicht, dass er nichts sei, er ist die „Leere“ der Zen-Philosophen. Darüber hinaus lassen wir eine Tür für eine Wechselwirkung oder den Informationsaustausch zwischen der bedingten und unbedingten Welt offen; diese Tür ist der Risikofaktor, der eine Bedingung für die Freiheit ist. Denn ohne Risiko, dass etwas gelingen oder schief gehen könnte, hat der Mensch keine Freiheit, sich überhaupt zu etwas zu entscheiden.

Wenn die Willenspartikel analog zu den Atomteilchen Leben und Universum durchdringen, dann geschieht eine intelligente Entscheidung bereits „zeitlich“ bevor die neurologische Aktion des Gehirns aktiviert wird. Das bedeutet, dass das Gehirn erst „später“ eine Handlung oder Gedanken formt und der Mensch diese Aktion dann ausführt. Doch nicht die „Willenspartikel“ entscheiden – sonst wäre diese Entscheidung ja fremdbestimmt. Sie liefern nur die Kraft zur Entscheidung. Willensentscheidungen müssen genauso trainiert werden wie Muskeln. Sonst ist eine Handlung tatsächlich unfreiwillig durch Gehirnassoziationen bedingt.
„Wann immer wir etwas zu wissen glauben, gibt es etwas, das wir nicht wissen. Hinter dem Erkennen verbirgt sich stets das Unerkannte…“
D. T. Suzuki
Literatur:
Bennett, John G.: Risiko und Freiheit, Zürich: Chalice Verlag, 2004
Gehirn & Geist, Zeitschrift. Diverse Artikel zum Thema.
Libet, Benjamin: Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert, Frankfurt: Suhrkamp 2005
Martin, Bruno: Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff. Bad Bevensen: edition nada, 2000
Pauen, Michael: Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung. Frankfurt: Fischer, 2004
Daisetz T. Suzuki: Satori – Der Zen-Weg zur Befreiung. München: O. W. Barth, 1987

Bruno Martin, geb. 1946, ist Buchautor, Seminarleiter und Erforscher geistiger Welten seit über 35 Jahren.
Buchveröffentlichungen: „Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff“, „Zen der plötzlichen Erleuchtung“, „Das Lexikon der Spiritualität“ (März 2005).

Die Suppe muss scharf sein - war Gurdjieff ein Zen-Meister?

Zen ist die besondere Weitergabe der Lehre außerhalb der buddhistischen Schriften. Wie bei allen Meistern, die Schriften hinterlassen haben, gibt es auch bei G. I. Gurdjieff (1866-1949), der eine „Schule des Augenblicks“ Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den Westen brachte, eine Weitergabe seiner Lehre „außerhalb der Schriften“. Bruno Martin lehrt seit über 30 Jahren Gurdjieffs Methode und entdeckte, dass diese Methode im Wesentlichen der Zen-Lehre entspricht. Der folgende Beitrag beleuchtet diesen unbekannten Aspekt.

Zitat: „Schülerin: Diese Suppe ist aber scharf. Gurdjieff: Jede gute Sache ist scharf – das muss so sein.“

G. I. Gurdjieff verabscheute alles „laue“. Immer wieder betonte er: „Wenn du etwas machst, dann mache es gut. Gebe dich rückhaltlos hin. Etwas, das genau werden soll, muss präzise bearbeitet werden – das gilt auch für den Menschen. Arbeit sollte kein Wunsch sein, sondern eine Notwendigkeit. Suche dir eine Aufgabe, die dir etwas abverlangt.“ Wenn wir etwas tun, so seine Lehre, dann sollten wir es mit Ausdauer verfolgen. Seine berühmte Geschichte des kaukasischen Bauern, der ihm unbekannte, leuchtend rote Früchte auf dem Markt kaufte, ist ein bildhaftes Beispiel dafür. Als der Mann auf dem Weg nach Hause eine Rast einlegte und einige dieser „Früchte“ verzehrte und dabei die volle Schärfe einer Chilischote erfuhr, aß trotzdem weiter: „Ich werde nicht aufhören“, sagte er zu einem Mitwanderer. „Habe ich doch meine letzten sechs Groschen dafür bezahlt! Und müsst ich selbst meine Seele aufgeben, ich würde weiter essen.“

Einige große Zen-Meistern verhielten sich ebenso kompromisslos. Der Zen-Meister Gutei hatte die Angewohnheit, alle Fragen seiner Schüler zu beantworten, indem er einfach einen Finger hob. Eines Tages bat ein Besucher einen der Schüler, ihm die zentrale Lehre seines Meisters zu erläutern. Als Antwort imitierte der Schüler den Meister und hielt einen Finger hoch. Gutei hörte davon, rief den jungen Mann zu sich und schlug ihm plötzlich den Finger ab. Als der Schüler mit Schmerzen davonrannte, rief ihn der Meister zurück. Der Schüler drehte sich um und sah, wie der Meister seinen Finger hob. Es wird erzählt, dass der Schüler so seine Erleuchtung erfuhr. Heute würde Gutei wohl einen Schadenersatzprozess am Hals haben…

Meister Hakuin kommentierte den zentralen philosophischen Gedanken des Zen „Form ist Leere, Leere ist Form“ mit den Worten: „Schund! Was für ein nutzloser Haufen Schrott! Versucht nicht, Affen beizubringen, wie man auf Bäume klettert! Diese Ware liegt seit zweitausend Jahren in den Regalen und eignet sich nur als Staubfänger.“

Zen ist radikal. Es fordert die Menschen auf, die Welt immer wieder auf neue Weise zu sehen. Gerade die chinesische Linie des Ch’an war „Down-to-Earth“. Das Leben eines Mönches bestand aus harter körperlicher Arbeit. Er schlief und meditierte auf derselben Matte, flickte seine Robe und pflanzte Gemüse an. Seine Lehrer teilten die Arbeit mit ihm. Die Verehrung von Buddha-Figuren und komplexen Ritualen wurde vollkommen abgelehnt, und gelegentlich ging dieses Verhalten so weit, dass alle „heiligen“ Schriften verbrannt wurden, denn nicht das auswendig gelernte Wissen zählt, sondern die eigene Erkenntnis. Während seiner berühmten rituellen Mahlzeiten mit den „Toasts auf die Idioten“ praktizierte Gurdjieff dasselbe Prinzip. Wer etwas über sich erfahren wollte, musste trotz reichlichem Genuss von Wodka hellwach im Augenblick sein. Wer es wagte eine theoretische Frage zu stellen, wurde von Gurdjieff als „Stück Scheiße“ bezeichnet.

Es heißt, dass Zen die besondere Weitergabe der Lehre des Buddha außerhalb der Schriften sei. Deshalb soll die Zen-Lehre mit der Blumenpredigt des Buddha begonnen haben, als er in seiner wortlosen „Blumenpredigt“ statt zu sprechen einfach eine Blume hochhielt. Sein Schüler Kashyapa lächelte und zeigte dem Buddha dadurch, dass er in diesem Augenblick Erleuchtung erfahren hatte. Die Lehre des Zen wird also viel mehr „von Herz zu Herz“ und nicht durch Worte weitergegeben. Das praktizierte Gurdjieff auch in der Weitergabe seiner Lehre. Wie bei allen Meister, die auch Schriften hinterließen, bauten sich viele seiner Schüler ein Gefängnis aus seinen Worten. Gurdjieff ist längst gestorben, andere Meister auch.

„Wollt ihr die Dinge richtig sehen können, dann lasst Euch von niemandem verwirren. Wer immer euch begegnet, außerhalb oder innerhalb von euch, den tötet sofort. Trefft ihr Buddha, dann tötet ihn. Trefft ihr einen alten Meister, tötet ihn. Befreit euch von allem, dann wird nichts mehr euch behindern. Löst euch von allem los und seid unabhängig.“
Lin-chi (Rinzai)

Zen ist eine „Schule des Augenblicks“, die in jeder Situation und jeder Zeit immer wieder von kreativen Geistern neu belebt wird. Der Meister Basho (1644-1694) sagte dazu: „Suche nicht den Weg der Vorfahren, suche das, was auch sie gesucht haben.“ Diese Idee wird durch eine der drei „großen Qualitäten“ des Zen-Schulungswegs ausgedrückt, dem „Großen Zweifel“. Die Idee dahinter besagt, dass das Leben immer als Frage zu verstehen ist, die noch der Antwort harrt, das Geheimnis unseres Lebens und des Kosmos anzuerkennen und dieses Geheimnis unermüdlich und mit fester Absicht enthüllen zu wollen. Dazu gehört die zweite Qualität der „großen Entschlossenheit“, der Wille, regelmäßig und mit bewusster Entschlossenheit zu üben und hart daran zu arbeiten, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die unsere Erkenntnis verstellen. Es ist auch die Entschlossenheit, sich für die Bedürfnisse aller Mitwesen zu sensibilisieren und Mitgefühl für sie zu entwickeln. Das alles wird möglich durch die dritte Qualität des „großen Glaubens“, dass in allen Wesen die Budda-Natur innewohnt, dass wir Erleuchtung erfahren und unsere wahre Natur „sehen“ können.

„Wenn nicht angespornt, kein Erwachen; wenn nicht in die Enge getrieben, kein Durchbruch.“
Zen-Weisheit

Wie im Zen ist auch bei Gurdjieff der Alltag und das „gewöhnliche“ Leben das große Übungsfeld. Erleuchtung kann überall und in jeder Situation aufblitzen. Der große Interpret des Zen, D.T. Suzuki, bringt den Zen-Weg auf den Punkt: „Das Ziel der Zen-Übungen ist das Erreichen eines neuen Blickpunktes für die Einsicht in das Wesen der Welt… Du und ich, wir leben scheinbar in der gleichen Welt, aber wer kann sagen, ob das Ding, das wir gemeinhin einen Stein nennen, für uns beide dasselbe ist?“ Die Erreichung dieses neuen Blickpunktes im Zen heißt Satori (wu im Chinesischen). Ohne Satori gibt es kein Zen, denn das Leben des Zen beginnt mit der Erfahrung des Satori. Satori enthüllt eine „neue Welt“. Suzuki: „Was immer für Lehren es im Zen gibt, sie kommen aus dem Inneren jedes einzelnen. Wir sind selbst unsere Lehrer. Zen weist nur den Weg.“ Satori löst die Identifizierung mit dem Verstand, den Gefühlen und dem Körper und öffnet so den Weg zur direkten Erfahrung der Einzigartigkeit des eigenen Wesens.

Es ist nicht die Lehre, die zu einem Ziel führt. Lehren sind „der Fingerzeig, der zum Mond weist“. Dabei darf der Finger nicht mit dem Mond verwechselt werden. Zen und andere kreative Lehren zeigen nur einen Weg: den Weg zur Wirklichkeit. Wirklichkeit ist nicht irgendwo, sondern immer hier, bei uns und mit uns. Es geht darum, das zu erkennen, was bereits vorhanden ist, was wir sind und was wir immer waren: der erleuchtete Geist.
In diesem Sinne kann die Erweckung des erleuchteten Geistes kein Ziel sein, da er immer in allem gegenwärtig ist. Der Zen-Weg ist der Weg des Lebens mitten im Leben. Die Entdeckung der Wirklichkeit oder des So-Seins liegt direkt vor unseren Augen. Jeder Augenblick unserer Existenz ist die Wirklichkeit des Lebens. Die „äußere“ Welt ist deshalb nicht getrennt von uns, sie ist auch unsere „innere Welt“. Jede wache Wahrnehmung des Seins wird in und von unserem unbewegten Geist erfahren. Ohne die Aktivität unseres eigenen Geistes gibt es keine Erscheinungen, keine Wirklichkeit, keine Welt.

„Der Himmel ist immer der Himmel. Wenn auch Wolken und Blitze kommen, der Himmel ist nicht verwirrt.“
Shunryu Suzuki

Die Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erkennen und zu erwachen, die eigentliche Bedeutung des Begriffes satori, bietet sich zu jeder Zeit. Zen lädt deshalb ein, die Augen zu öffnen, um die Vielfalt und Schönheit des Lebens immer wieder neu zu entdecken. Das beinhaltet zugleich, unserem Bewusstsein nicht zu erlauben, sich von der Einsicht und dem Erkennen ablenken zu lassen, weder an etwas anzuhaften, noch sich selbst zu vergessen.

Weisheit oder Erkennen ist dabei die Einsicht in das eigene, wahre Selbst jenseits der Verhaftungen an die Alltagspersönlichkeit. „Sehen“ ist die Erfahrung des unbewegten Selbst, die Einsicht in die wahre Natur der Wirklichkeit. Das chinesische Schriftzeichen Wu – das meist als „Erleuchtung“ übersetzt wird – besteht aus dem Begriff „Herz“ bzw. Geist, das synonym damit ist, und aus dem Begriff mein. Das Schriftzeichen bedeutet also: „In meinem eigenen Herzen fühlen“ oder „in meinem eigenen Geiste erfahren“.

Diese Erkenntnis führt zum Gedanken der Nichtverhaftung weder an etwas noch an nichts. „Wenn alles leer ist, findet kein Halten an etwas statt“. Der Schluss, den der große Zen-Meister des 7. Jhdt. Hui-Neng, der Begründer der „Schule der plötzlichen Erweckung“, daraus zieht ist, dass Zen (vom indischen Dhyana, d.h. Meditation abgeleitet) nichts mit Sitzen in Meditation zu tun hat, sondern vielmehr Handeln, Bewegung, Vollbringen von Taten, Sehen, Hören, Denken und Erinnern ist. Dhyana – also Zen – wird mitten im Leben erlangt, denn Einsicht und Handeln sind gleich.

Schüler: „Was soll ich tun, wenn da immer noch der Schatten eines Zweifels übrig ist?“ Meister: „Selbst Einheit, wenn man sich an sie klammert, liegt weit vom Ziel.“

Zen in diesem Sinne kann deshalb auch keine reglementierte oder sogar klösterliche Lehre sein, es findet mitten im Leben statt. Zen ist in erster Linie pragmatisch und praktisch. Hier trifft es sich mit der Lehre von Gurdjieff. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass die „Schule des Augenblicks“ als Zen-Weg die eigentliche Lehre Gurdjieffs „außerhalb seiner Schriften“ ist. Wenn man mit einem neuen Blick an die Lehre Gurdjieffs herangeht, kann man entdecken, dass er ein „Zen-Meister“ war, auch wenn er nicht in der „klassischen“ Zen-Tradition stand. Doch seine Art zu leben und zu lehren entspricht der Art der großen „verrückten“ Meister aller Traditionen. Ich vermute sogar, dass er auf seinen Reisen in die Mongolei und nach Tibet direkt oder indirekt (über einige Sufi-Meister in Taschkent) mit der chinesischen Zen-Tradition in Verbindung kam.

Wegweisende Lehrer leben und lehren den Zen mit einem unabhängigen, kreativen Geist. Wie mit dem Finger, der auf den Mond weist, sollte man jedoch die Lehren eines „großen Meisters“ nur als Wegzeiger nehmen und nicht als fertiges System. Gurdjieff versuchte, wie viele vor und nach ihm – man denke nur an Osho – den „Weg der weißen Wolke“ (chin. Dao) für einen westlichen Menschen im Alltag gangbar machen.

„Der Mensch muss einsehen, dass er nicht existiert; er muss einsehen, dass er nichts verlieren kann, weil er nichts zu verlieren hat; er muss seine Nichtigkeit im vollen Sinne des Wortes einsehen.“
G. I. Gurdjieff

Könnte dieses Zitat nicht auch von einem der Zen-Meister stammen? Entkleide ich die Lehre Gurdjieffs von allen Theorien, die mir die Sicht verstellen, schälen sich drei wesentliche Pfeiler heraus: Selbst-Studium, Selbst-Beobachtung und Selbst-Erinnerung. Diese entsprechen den drei Pfeilern des Zen – Lehre, Übung, Erleuchtung.

Gurdjieffs Begriffe mögen in die Zeit der Anfänge der Freudschen Psychologie gepasst haben, heute jedoch können sie von den meisten „egokratisch“ interpretiert werden. Die Menschen beschäftigen sich immer stärker nur „mit sich selbst“. Dabei ist das Gegenteil gemeint: „Selbst-Studium ist die Arbeit oder der Weg, der zur Selbstkenntnis führt.“ Damit ist nicht die egozentrische Persönlichkeit gemeint, sondern das „wahre“ Selbst des Menschen, unbekleidet von allen Äußerlichkeiten der angelernten Verhaltensweisen, der vielen Masken, die wir angenommen haben. „Negative Gefühle wie Neid, Angst, Ärger usw.“ sagt Gurdjieff, „sind nützlich, denn sie zeigen uns etwas, was wir sonst nicht kennen würden. Doch wir müssen uns davon distanzieren, damit sie nicht in unserem Wesen bleiben.“ Selbst-Studium bedeutet so, alle menschlichen Eigenschaften zu studieren, um schließlich das wahre Wesen zu erkennen.

In die Sprache des Zen übersetzt bedeutet Selbst-Studium die Erweckung des „forschenden, offenen Geistes“. Wenn wir Mensch und Welt mit offenen Augen betrachten, wird uns deutlich, dass das menschliche Leben und das Universum eine Gemeinsamkeit haben: sie sind eine riesige Bühne, auf der ein Schauspiel voll unendlich komplizierter Wechselwirkungen aller Kräfte aufgeführt wird – und wir Menschen sind ein Teil dieser Aufführung. Eine Zen-Geschichte illustriert diesen Tatbestand: Zwei Mönche diskutierten über das Flattern einer Fahne im Wind. Einer behauptete, dass sich die Fahne bewegte, der andere meinte, es wäre der Wind. Der Meister, der ihnen zuhörte, schnitt diesen Dualismus durch: „Es bewegt sich weder die Fahne noch der Wind. Was sich bewegt, ist euer Geist.“

Um zur eigenen Einsicht in derartige Phänomene zu gelangen, ist ein offener, forschender Geist des Übenden notwendig, der alle Erscheinungen und Verhaltensweisen studiert, auch die Erforschung des Körpers, des Gehirns und der Welt, um schließlich zur Erkenntnis der Wirklichkeit des Seins durchzustoßen. Bewegt sich unser Geist tatsächlich?

Der eigentliche Übungsweg ist die Selbst-Beobachtung. „Die Selbst-Beobachtung bringt den Menschen zur Einsicht in die Notwendigkeit der Selbst-Wandlung. Und während er sich beobachtet, bemerkt er, dass die Selbst-Beobachtung an sich schon verschiedene Wandlungen in seinen inneren Vorgängen hervorruft. Er beginnt zu verstehen, dass die Selbst-Beobachtung ein … Mittel zum Erwachen darstellt.“ (G. I. Gurdjieff)

Doch was ist „Selbst-Beobachtung“? Im Zen wird die Frage gestellt: „Wenn du deinen Geist beobachtest, wird du bemerken, dass es zwischen den Gedanken Momente gibt, in denen der Geist frei von allem ist. Und doch ist etwas da. Was kann das sein?“ Solange ein Teil meiner Persönlichkeit, die vielen, veränderlichen „Egos“ in meinem Kopf, andere Teile dieser Persönlichkeiten „beobachtet“, dreht sich alles nur um „mich selbst“. Diese Art, sich „selbst zu sehen“ wurde inzwischen zur Volkskrankheit. Ich ziehe deshalb den Begriff „Übung der Bewusstheit“ oder „Übung der Aufmerksamkeit“ vor. Achtsamkeit ist die eigentliche Meditation, Dhyana, japanisch Zenna. Dhyana hat die Sprachwurzel dhi, wahrnehmen, nachdenken, kontemplieren, den Geist auf einen Gegenstand richten. Dhyana heißt also den Geist sammeln, die Gedanken nicht abschweifen lassen. Aufmerksamkeit geht im Zen wie bei Gurdjieff nur zusammen mit bewusster, entschlossener Anstrengung. Aufmerksamkeit ist das besondere Instrument des Willens zur direkten Wahrnehmung von allem was ist und so wie es ist, ohne irgendeine Bewertung. Aufmerksame Wahrnehmung ist das „Organ“ des Geistes. Ohne Aufmerksamkeit nehmen wir die Welt nicht wahr und sind in diesem Moment nicht-existent, wir leben nicht, sondern „werden gelebt“.

Diese bewusste Achtsamkeit sollten wir entwickeln, damit wir jeden Moment unseres Lebens mit wachem Bewusstsein erleben. Wir sind uns dann bewusst, wie wir sitzen, gehen, stehen, liegen, arbeiten. Dazu gehört auch die Bewusstheit des eigenen Körpers und des Atems. Bewusstes Atmen hat noch eine andere, weitere Bedeutung, die besonders im Tao-Yoga und bei Gurdjieff akzentuiert wird. Die Lebenskraft, Qi, die wir mit dem bewussten Atmen aufnehmen, verbindet Geist und Körper.

Durch Selbst-Beobachtung gelingt es allmählich, den Kreislauf der Verhaftungen zu durchbrechen und in den Zustand der Selbst-Erinnerung zu gelangen. Leider hat der Begriff „Selbst-Erinnerung“ nur Verwirrung gestiftet. Ich halte es für hilfreicher diesen Zustand des bewussten Gewahrseins als „Selbst-Innewerden“ zu bezeichnen. Zen-Meister sagen, dieser Zustand ist immer gegenwärtig in allem was geschieht. Doch um in diese „Erleuchtung“ oder „Erweckung“ des Geistes zu kommen, ist es notwendig, alle Umstände klar zu erkennen, die einem davon abhalten. Dazu gehört vor allem Identifikation (Gurdjieff) oder Anhaftung (Zen). Anhaftung geschieht ständig: Menschen identifizieren sich mit ihrem Aussehen, ihrem Beruf, ihrer Rolle in der Familie, mit Gurus oder „Erleuchteten“. Sie identifizieren sich mit ihrem Erfolg, mit ihrem Wissen, mit ihrer Erfahrung, mit ihren Gefühlen. Deshalb sagt Gurdjieff: „Ein Mensch, der sich mit irgend etwas identifiziert, kann sich nicht selbst erinnern.“ Wer kann diese Umstände und Hindernisse erkennen? Das kann nur der freie, unbewegte Geist bzw. das „wahre“ Selbst.

Die Inhalte der Zen-Lehre und der Lehre Gurdjieffs unterscheiden sich für mich nur in Details und der Form der Darstellung. Im Wesentlichen zielen sie in dieselbe Richtung. Zu allen Zeiten gab es „Erleuchtete“ und freie Geister, die sich von den strengen Regeln des klösterlichen Zen frei machten und eigene Wege gingen. Teilweise waren sie so ungewöhnlich, dass man sie „verrückte Wolken“ nannte. Bei ihnen schwang der kreative Geist des Zen am stärksten mit. Deshalb verstehe ich eine „Schule des Augenblicks“ wie den Zen-Weg in dieser Mischung von Selbstdisziplin in der Übung und offenem Forschergeist, der immer neue Einsichten gewinnen will.

„Zen der plötzlichen Erleuchtung“ bedeutet für mich zu lernen, aus dem Dualismus des Denkens und gewohnten Wahrnehmens auszubrechen, an nichts zu verhaften und im So-Sein oder Selbst-Geist unbewegt zu bleiben.

„Die Natur des So-Seins ist unser ursprünglicher Geist, dessen wir uns bewusst sind. Und doch gibt es weder denjenigen, der sich eines Dinges bewusst ist, noch dasjenige, dessen er sich bewusst ist.“
(D.T. Suzuki)

Der Unterschied zwischen den Anhängern des Dhyāna, d.h. in der Meditation sitzen und auf Erleuchtung zu warten, und der Richtung des Prajña, im Bewusstsein zu erwachen, liegt im Verstehen, dass die Erweckung (Satori) nie als ein Erreichen oder Vollenden als Folge von Bemühungen betrachtet wird. Da es kein Erreichen in der Erweckung der Einsicht in die Selbstheit gibt, kann es auch kein Verweilen darin geben. Kein Erreichen, also auch kein Festhalten.

Wenn der unbewegte Geist in allen Verhältnissen klar bleibt, ist das Zen.

Der Übungsweg des Zen – ebenso wie der Übungsweg Gurdjieffs – besteht letzten Endes darin zu lernen, unbewegt von irgendeiner Verhaftung an eine weltliche Persönlichkeit oder eine Identifikation mit irgend etwas die Wirklichkeit zu erkennen. Jedes direkte Erkennen, das in keiner Weise verhaftet bleibt, ist eine Erweckung des Geistes, also Erleuchtung. Die „Erweckung“ des leuchtenden Geistes geschieht immer blitzartig, plötzlich. Das bedeutet auch, dass wir plötzlich wieder „schlafen“ und die „Erleuchtung“ nur eine Erinnerung bleibt. Niemand ist davon ausgenommen. Je häufiger wir in die Wirklichkeit erwachen, um so öfter können wir in der Wachheit des Geistes sein, die immer da ist, aber von unserem Alltagsbewusstsein unbemerkt bleibt. Wahrscheinlich besteht das Quiz des Lebens darin, „Erleuchtungspunkte“ zu sammeln, damit die Kontinuität des erleuchteten Bewusstseins immer öfter erfahren werden kann. Irgendwann wachen wir dann nicht mehr gelegentlich ins Bewusstsein auf, sondern die Erleuchtung weckt uns auf.

Der Autor
Bruno Martin, geb. 1946, ist Buchverleger, Seminarleiter, Autor und Erforscher geistiger Welten seit über 35 Jahren.
Buchveröffentlichungen u.a.: „Handbuch der spirituellen Wege“, „Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff“ und „Zen der plötzlichen Erleuchtung“.

Literatur
Bruno Martin: Zen der plötzlichen Erleuchtung, Havelte 2004, Binkey Kok Verlag
D.T. Suzuki: Satori – Der Zen-Weg zur Befreiung, München 1987, O.W. Barth-Verlag
Oliver Bottini: Das Grosse O.W. Barth-Buch des Zen, München 2002, O.W. Barth-Verlag
David Fontana: Einführung in die Zen-Meditation, Berlin 2003, Theseus-Verlag