Gurdjieff Heute

Informationen zu Gurdjieff, J. G. Bennett und Seminaren von Bruno Martin

 

Gemälde „Der blaue Raum“ von Nana Nauwald (c) 2017 mit freundlicher Genehmigung.
Weitere Bilder von Nana Nauwald auf www.visionary-art.de

Der individuelle Wille


Bei Gurdjieff nimmt die „Erweckung“ des individuellen „wirklichen Ichs“ – im Gegensatz zu den „vielen Ichs“ der Persönlichkeit eine zentrale Rolle ein. Seinem Schüler P. D. Ouspensky sagte er, dass es darum geht, „Individualität im Sinn innerer Einheit und ein bleibendes, unveränderliches Ich, Bewusstsein und Wille“ zu erlangen, „die ein Mensch haben kann, aber das heißt nicht, dass sie zu ihm gehören oder einem jeden gehören.“ Um den Willen zu trainieren, muss eine „innere Reibung“ hervorgerufen werden, um das innere Feuer anzufachen. Wer mit den Wünschen kämpft, die den Menschen stören, erschafft er seine innere Welt und verwandelt sie langsam in eine innere Einheit.

Wille“ ist eine schöpferische Kraft, die sich als „kreative Intelligenz“ in vielfältiger Form manifestiert. Eine Entscheidung zu treffen oder Geduld zu haben, etwas verstehen zu wollen oder den Körper bewusst zu einer Aktion zu bewegen, haben ihre Ursache in diesem „Willen“. Wenn wir von einem „freien Willen“ sprechen, dann meinen wir eine bewusste Entscheidungs- und Wahlfreiheit, die nicht von einer Gehirnfunktion abhängig ist. Da Wille oder GEIST eine spirituelle Kraft ist, kann Wille nur durch seine Wirkung auf eine körperliche Funktion festgestellt werden, nicht durch die Messung irgendeiner Gehirnfrequenz. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, das Sein der natürlichen Welt dem Willen unterzuordnen. Das Sein und die damit verbundenen Eigenschaften von Leben und Bewusstsein sind unabhängige Erscheinungen der Existenz, auch wenn sie „erschaffen“ wurden. Geist, Leben und materielle Erscheinungen sind letztlich eine Einheit und bedingen sich gegenseitig.

Man darf aufgrund des Begriffes nun nicht annehmen, dass „Wille“ eine „Willensanstrengung“ beinhaltet. Wenn ich sage, „ich will etwas verstehen“, dann ist dieses Verstehen, das über bloße Information hinausgeht und sich mit der Sache verbindet, die ich verstehen will, auch ein Ausdruck des Willens. Ohne bewusste, willentliche Absicht, eine Sache tiefer verstehen oder einen bestimmten Zusam­menhang erkennen zu wollen, bleibt das Denken nur an der Oberfläche. Ich weiß etwas, aber stelle keinen Bedeutungszusammenhang her. Und ohne willentliche Absicht, etwas zu tun und dann auch zu handeln, wird ein Wunsch oder ein Plan nicht verwirklicht. Man kann seinen Wunsch oder eine Absicht natürlich in den Möglichkeitsraum „stellen“ und darauf hoffen, dass sich dieser Gedanke realisiert, doch da die Welt des Bewusstseins keinen kausalen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, hat man keinen weiteren Einfluss darauf.

Willensakte sind die Entscheidungsfaktoren für die Welt. Nur durch einen Willensakt kann eine Wahl getroffen werden zwischen dem was sein könnte und dem, was sein soll. Ohne einen Willensakt geschieht alles zufällig, läuft durch irgendeinen Anstoß aus der Vergangenheit ab. Der Willensakt setzt einen kreativen Prozess in Gang und erschafft ein neues Wirkungsfeld. Der Wille und die Kraft der Aufmerksamkeit, die eine seiner Eigenschaften ist, üben in der gewöhnlichen Welt eine Wirkung aus, sie sind aber nicht eine Funktion dieser Welt. Daher könnte man sagen, Wille oder „Geist“ gehören zu einer Welt, die völlig außerhalb unserer Wahrnehmung liegt, aber an allen Prozessen in dieser Welt beteiligt sind – aber nur dann, wenn eine bewusste Absicht damit verbunden ist.

Aus: Bruno Martin, Der Wunderland-Effekt