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Der „freie Wille“ – neue Erkenntnisse

„Unser Wille ist stärker, als das Gehirn zeigt“, haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden – eine These, die ich schon immer vertrete und in meinen Büchern thematisiert habe. Seit vielen Jahren streiten sich Hirnforscher, Psychologen und Philosophen darüber, ob die früheren Messungen von Benjamin Libet nicht dem „gesunden Menschenverstand“ widersprechen. Seine Versuche legten nahe, dass unser Gehirn schon eine halbe Sekunde vor einer willentlichen Entscheidung eine Handlung ausführt: Gut eine Sekunde, bevor Probanden sich bewusst entschlossen, ihre Hand zu bewegen, war in den Hirnstromkurven das "Bereitschaftspotential" dafür schon zu finden.
Der Hirnforscher John-Dylan Haynes, der am Berliner Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité seit Jahren mit allen möglichen bildgebenden und elektrophysiologischen Verfahren in die Entscheidungszentren unseres Gehirns zu blicken versucht, hat schon viele "vorbereitende Hirnwellen" identifiziert. Tatsächlich hinterlassen viele Handlungen mitunter zehn Sekunden vor der Entscheidung des bewussten Ichs eine elektrische Spur in bestimmten Hirnarealen. Der entscheidende Punkt aber ist: Nichts spricht bisher dafür, dass diese Hirnströme das Handeln steuern, dass unser freie Wille eine Illusion ist.
Das Fazit, das der Autor Joachim Müller-Jung in der FAZ vom 27.1.2016 zieht ist: Nicht durch weniger Wissenschaft, sondern mit mehr Forschung konnte man die Libet-Gespenster loswerden. Das ominöse Bereitschaftspotential kann nämlich überstimmt werden, die vermeintlich vorbestimmte Handlung noch willentlich und aktiv gestoppt werden.
Nun stellt sich wieder meine alte Frage: Was ist der Wille, wie kommt er dazu unsere Handlungen zu bestimmen?
John G. Bennett schreibt in seinem Werk Die inneren Welten des Menschen (S. 38): „Der Wille selbst handelt nicht, er entscheidet über die Handlungen, die stattfinden sollen… Es überrascht uns nicht, dass wir den Willen in den äußeren Prozessen der Welt nicht erkennen können, aber viele werden überrascht sein, wenn sie feststellen, dass der Wille auch in uns selbst nicht zu finden ist. Wir haben zwar Gedanken wie: „Das will ich tun!“, aber dies ist nur eine Funktion, etwas, das abläuft – und meistens wird ein solcher Gedanke nicht verwirklicht. Was immer wir beobachten können, hat eine Ursache, der Wille aber ist ohne Ursache, er ist selbst die Ursache.“
Üblicherweise ist der vermeintliche Wille nur das automatische Funktionieren der Mensch-Maschine. Deshalb sprach Gurdjieff davon, dass wir die „Fähigkeit zu tun“ erst trainieren müssen. Wenn wir eine bewusste und absichtsvolle Entscheidung treffen, übernimmt der Wille und nutzt unsere Funktionen, wie z. B. das Sprachorgan oder die Hände.
Doch wo kommt der Wille in unser Leben herein, wodurch wird er wirksam? Wie ist es möglich, den Willen an unseren Handlungen zu beteiligen, so dass wir tatsächlich willentlich handeln?
Die Schwierigkeit für eine konkrete Antwort liegt darin, dass Wille aus der „spirituellen Welt“ kommt, also keine materielle Funktion hat oder ist. Daher ist er auch nicht „zu begreifen“. Doch er zeigt sich, wenn wir uns mit Absicht bewegen, absichtsvoll sprechen oder eine getroffene Entscheidung tatsächlich auch ausführen. Wir können ihn auch erkennen, wenn wir einen Bewegungsimpuls nicht ausführen, wie es die wissenschaftlichen Versuche gezeigt haben. „Eine Aktion ist dann intelligent, wenn sie jederzeit gestoppt werden kann“, schrieb Anthony Blake.
„Um wirksam zu werden, braucht der Wille eine Energie, die ihm entspricht. … In jedem Willensakt liegt der Anfang von etwas Neuem, etwas Einzigartigem, und das Einzige, das den Anforderungen des Willens genügt, ist die kreative Energie.“ (Bennett, Innere Welten, S. 50)
Aber auch wenn wir gerade keine kreative Energie zur Verfügung haben, können wir mit dem Willen in Kontakt kommen, nämlich mit der Aufmerksamkeit, die eine Willensfunktion ist. Absichtliche Aufmerksamkeit bringt uns immer in Kontakt mit der Welt des Willens und trainiert unsere Fähigkeit bewusst zu handeln.